| ASIATISCHE KUNST. IMPULSE FÜR EUROPA |
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| Donnerstag, 28. Januar 2010 um 20:47 Uhr | ||
Ständige Ausstellung Teil II ab 31.1.2010
Am 31. Januar 2010 eröffnet das GRASSI Museum für Angewandte Kunst den zweiten Teil seiner Ständigen Ausstellung „ASIATISCHE KUNST. IMPULSE FÜR EUROPA“.
Die präsentierten Objekte stammen einerseits aus Ostasien (China/Japan), andererseits aus primär islamisch geprägten Gebieten, die von Ägypten über Westasien (mit dem Schwerpunkt Iran) bis nach Indien reichen.
Die Grundfläche des neuen ständigen Ausstellungsbereiches zur asiatischen Kunst umfasst rund 300 Quadratmeter und gliedert sich in drei Raumabschnitte mit 40 thematischen Objektgruppen. Im Zentrum stehen die Vitrinen auf der Empore der Pfeilerhalle, die nun – nach ergänzender Rekonstruktion aller historischen Komponenten – als innenarchitektonisches Juwel des Art déco zusammen mit der neuen Asien-Ausstellung wieder zugänglich ist. Von ihr zweigen zwei Kunstlichträume ab, die auch konservatorischen Anforderungen an die Objekte Rechnung tragen. Ausgestellt werden reichlich 400 Exponate. Darunter Kostbarkeiten ersten Ranges wie der berühmte zwölfteilige Leipziger Schnitzlack-Stellschirm aus der chinesischen Qing-Dynastie, eine Serie von acht hervorragenden japanischen Nô-Masken, exemplarische japanische Lack-Leder- und Elfenbeinkunst – darunter ein Lackmalerei-Teller, dessen Provenienz (wie auch die einiger ausgestellter Porzellane) sich bis in die Dresdner Sammlung von Kurfürst Friedrich August I. zurückverfolgen lässt. Das chinesische Porzellan unterschiedlicher Ausprägung wird mit Spitzenstücken belegt, die religiöse Kunst Ost- und Zentralasiens manifestiert sich in wertvollen figürlichen Bronzen, feinste japanische Porzellane leiten über zum dort gepflegten Bronzeguss, eine faszinierende Konstellation von Schwertzierraten vermittelt Eindrücke von den künstlerischen Statussymbolen der Samurai. Die frühesten ausgestellten Zeugnisse westasiatischer Kunst reichen bis ins 2. Jahrtausend v. Chr. zurück, herausragend sind in diesem Sektor die feinen Metalltauschierungen, die Lüsterdekore der mittelalterlichen Fliesen und Gefäße oder die Farbpracht der osmanischen Keramik. Äußerst kostbare Akzente setzen Beispiele der islamischen Textilkunst, der feinteiligen Lackmalerei und der Miniaturmalerei.
In dieser Konzentration vermittelt die Schau wesentliche Entwicklungen der asiatischen Kunst, mit dem Schwergewicht von auf in Europa besonders geschätzten Objekten, Materialien und Sujets.
Bereits mit einem auf der Wiener Weltausstellung von 1873 angekauften Objektkonvolut, das als Gründungsbestand betrachtet werden kann, kamen asiatische Arbeiten – wie beispielsweise ein mit ungewöhnlich-phantastischen Figurationen verziertes iranisches Handwaschgeschirr – in das Museum. Gleich den damals erworbenen europäischen Stücken sollten sie in einer Phase wirtschaftlichen Wachstums zunächst vornehmlich der unmittelbaren Anregung speziell der für Leipzigs Handwerk und Industrie tätigen Entwerfer dienen. Schon bald aber weitete sich der Blick und man kaufte gezielt und – sofern die Mittel es erlaubten – systematisch kostbare asiatische Kunstgegenstände als Belege für die vielfältigen Inspirationen, die von ihnen über die Jahrhunderte hinweg in verschiedenen Wellen auf die europäische Kunstentwicklung ausgegangen sind.
Bis heute befruchtet die Auseinandersetzung mit den außereuropäischen Kulturen die aktuelle Kunst Europas und Nordamerikas; das ganze 20. Jahrhundert bietet vielfältige Indizien dafür. Besonders wirksam aber war dieser Impuls im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert. War es – gerade um 1900 - auf der einen Seite die islamische Kunst – am nachhaltigsten vielleicht mit ihren eindrucksvollen Glasuren, so stand doch die „Offenbarung der japanischen Kunst“ im Vordergrund. Einer der führenden Protagonisten des neuen Stils, der belgische Entwerfer Henry van de Velde, schrieb 1910: „Es bedurfte der Gewalt der japanischen Linie, der Gewalt ihres Rhythmus und seiner Akzente, um uns aufzurütteln und zu beeinflussen. Ihre rhythmische Kraft und Intensität musste selbst diejenigen aufwecken, die am tiefsten schliefen. (...) Die japanische Linie war heilbringend.“
Das Gros der Exponate für die Museumssammlung wurde ebenfalls in dieser Zeit erworben. Und nicht von ungefähr veröffentlichte Richard Graul, der langjährige Direktor des Leipziger Kunstgewerbemuseums, 1906 sein Buch über die ostasiatische Kunst und ihren Einfluss auf Europa. Grauls Sammlungspolitik hat die bürgerliche Leipziger Sammlung maßgeblich geprägt. Sie kann und will weder den historisch gewachsenen fürstlichen Kollektionen noch den umfassenden Spezialmuseen Konkurrenz machen, wohl aber prägnante Linien anhand vorzüglich gewählter Objekte aufzeigen. Erwarb das Leipziger Museum Ostasiatika oft bei den führenden Händlern zwischen Paris, Berlin und London, so fand es auch Unterstützung durch Zuwendungen von privaten Sammlern und Gönnern. Dies umso mehr im Bereich der islamischen Kunst, die zum überwiegenden Teil der großzügigen Schenkungen des in Leipzig gebürtigen Persien-Reisenden Dr. Ph. Walter Schulz zu danken sind.
Mit Kalkül wurde der neue Ausstellungsbereich als Bindeglied zwischen dem ersten Rundgang „Antike bis Historismus“ und dem noch in Vorbereitung befindlichen Rundgang „Jugendstil bis Gegenwart“ situiert. Denn bereits der erste Rundgang thematisiert kulturelle und künstlerische Globalisierungsschübe und zeigt auf, wie vor allem in Renaissance, Barock und Historismus Impulse der islamischen und ostasiatischen Kunst in Europa aufgegriffen und umgewandelt worden sind.
Man denke nur an die unter Einfluss der islamischen Lüsterkeramik entstandenen frühen Majoliken, an die maureske Ornamentik auf Goldschmiede- und Zinnarbeiten der Renaissance, an die Inspirationen, die die europäischen Fayencemanufakturen durch das Vorbild ostasiatischer Blau-Weiß-Porzellane erfahren haben, an die Faszination, die chinesisches und japanisches Exportporzellan gleich den Lackwaren generell ausübte – bis hin zur Nach-Erfindung des Werkstoffs in Sachsen vor 300 Jahren. Man denke an die so umfassende und vielgestaltige Chinoiserie-Mode des 17. und 18. Jahrhunderts, die mit der französischen Revolution von 1789 enden sollte, und an das durch die Weltausstellungen des 19. Jahrhunderts neu angefachte Interesse an den exotischen Kulturen.
Der dritte Dauerausstellungsrundgang „Jugendstil bis Gegenwart“ (geplante Eröffnung Ende 2011) wird widerspiegeln, welche Inspirationen etwa von chinesischen Ochsenblutglasuren, von den bewussten Deformierungen japanischer Steinzeuge oder dem leuchtenden Glasuren islamischer Gefäße und Fliesen auf die Keramik des 20. Jahrhunderts ausging, um nur eine Materialgruppe zu erwähnen.
Zur Ausstellung liegt eine 192 Seiten starke Publikation mit ca. 220 Farbbildungen vor. Audioguides in Deutsch und Englisch sowie ein Kinderaudioguide bieten ebenso ergänzende Informationen wie zahlreiche begleitende Veranstaltungen und Führungen.
„ASIATISCHE KUNST. IMPULSE FÜR EUROPA“ Eröffnung: So, 31.1.2010, 11 UhrPressekonferenz: Do, 28.1.2010, 11 Uhr
Öffnungszeiten: Di – So, Feiertage 10-18 Uhr
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