| Tino Sehgal räumt das Guggenheim aus - und füllt es mit Gesprächen Von Carla S. Reissman, dpa |
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| Freitag, 29. Januar 2010 um 10:58 Uhr | ||
New York (dpa) - Tino Sehgal hat das Guggenheim ausgeräumt. Weiße leere Wände empfangen seit Freitag zu einer ungewöhnlichen «Ausstellung» die Besucher in der berühmten Rotunde. Nur ein schwacher Farbgeruch hängt in der Luft des frisch renovierten Museumsbaus an der New Yorker Fifth Avenue. Auf einmal steht da ein kleiner Junge: «Kann ich Dich was fragen? Was ist Fortschritt?». Und damit startet das Kunstwerk - der Besucher wird in eine atemlose Abfolge höchst unterhaltsamer Gespräche verwickelt. Vom Sechsjährigen geht es zum Teenager, dann führt eine Enddreißigerin weiter die spiralförmige Rampe hinauf - bis der älteste der Laiendarsteller um die 60 über den Titel informiert: «This Progress».
Oben angekommen, haben die Besucher die Arbeit des deutsch- britischen Künstlers Sehgal nicht gesehen - sondern erlebt. Jede Begegnung mit den Interpreten ist anders, keine der Konversationen gleicht der nächsten, manche werden jäh unterbrochen, andere fordern höchste Konzentration. Der 33-jährige Shooting Star der Kunstszene stellt damit die üblichen Konventionen eines Museumsbesuches auf den Kopf.
Statt einer passiven Konsumhaltung will Seghal die intensive Auseinandersetzung. Menschliche Interaktion wird dadurch wertvoller als materielle Skulpturen oder Gemälde, die sich sonst in einem Museum finden. «Wenn man die älteren Leute trifft, dann ist man in direkter Berührung mit einer anderen Zeit. Manche der Interpreten können sich ganz gut an die 30er und 40er erinnern und man ist gewissermaßen auf Tuchfühlung mit einer anderen Epoche», sagt er.
Sehgals Konzeptkunst überzeugte auch die Kuratoren des Guggenheims. Sie widmen ihm als jüngsten Künstler in der Geschichte des Museums eine eigene Einzelausstellung. «Ich war schon sehr erstaunt als sie mich gefragt haben», sagte der studierte Volkswirt und ausgebildete Tänzer mit deutscher Mutter und indischem Vater bescheiden.
Wundern braucht er sich nicht. Schließlich hat er eine bemerkenswerte Auswahl an hochkarätigen Ausstellungen vorzuweisen. Er war bereits im Londoner ICA und im Tate Britain zu sehen, zeigte seine Arbeiten in Japan, Moskau und Frankreich. 2005 vertrat er Deutschland auf der Biennale in Venedig. Fotografien oder Videoaufnahmen gibt es von seinen Miniatur-Inszenierungen nicht. Tino Sehgal möchte, dass seine Arbeiten immateriell bleiben. Die «taz» taufte ihn deshalb auch den «Flüchtigkeitskünstler».
Kaufen können Sammler seine Arbeiten aber trotzdem. Das Museum of Modern Art (MoMA) in New York zahlte laut Angaben der «New York Times» 70 000 Dollar (49 500 Euro) für «Kiss». Es ist die zweite von Sehgals Arbeiten, die im Guggenheim zu sehen ist. Sie braucht allerdings keine Sprache. In der Eingangshalle liegt ein angekleidetes Pärchen, das sich streichelt, küsst und in immer neuen Liebesposen räkelt. Ab und zu schaut es auch den umstehenden Zuschauern in die Augen, während sie miteinander beschäftigt sind. Deren Reaktionen sind faszinierend zu beobachten: Manche wenden sich verschämt ab, während andere voyeuristisch starren.
Wie das internationale Publikum des Guggenheim Museums auf die gesprächsintensive Arbeit «This Progress» reagieren wird, bleibt allerdings abzuwarten. Funktioniert es, wenn jemand die Sprache nicht beherrscht? Für den Künstler ist das kein Thema. Falls es große Fragezeichen in den Gesichtern gebe, dann liege das eher am Kunstverständnis der Touristen. «Das ist erstaunlich, wenn die Leute Interesse haben, dann schaffen sie es erstaunlicherweise doch, zu kommunizieren, auch wenn Sie kaum Englisch sprechen», sagte er.
«Tino Sehgal» ist bis zum 10. März zu sehen.
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