| «Die Frau auf dem Wagen»: Giacomettis Weg zur Größe Von Gerd Korinthenberg, dpa |
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| Freitag, 29. Januar 2010 um 17:02 Uhr | ||
Duisburg (dpa/lnw) - Schwebend scheint die weiße, statuarische Frauenskulptur auf ihrem massigen Gipssockel aus der Holzwand zu treten, auf der im Hintergrund schattenartig ein flüchtig gemalter Frauenakt zu erkennen ist. Diese spannungsvolle Kombination aus Malerei und Plastik ist einer kunsthistorischen «Sternstunde» im Atelier des Bildhauers Alberto Giacometti (1901-1966) nachempfunden.
Das Duisburger Wilhelm Lehmbruck Museum dokumentiert ab Sonntag (bis 18. April) mit der Ausstellung «Die Frau auf dem Wagen» den Weg des bedeutenden Schweizer Künstlers zur Größe: Im Jahr 1945 entdeckte Giacometti mit dieser Aktmalerei auf der Holzwand seines Ateliers in Maloja die «Monumentalität» in der Menschendarstellung, die zunächst doch nichts anderes als das ewige Bildhauer-Grundproblem der Beherrschung des Raumes und der Leere zu bedeuten hat.
Zudem gab Giacometti durch seine extrem fragilen, überlängten Körper mit ihren schrundigen Oberflächen der «Kunst nach Auschwitz» ein existenzialistisches Gesicht. Als Künstler «auf der Suche nach dem Absoluten» pries der Philosoph Jean-Paul Sartre den Bildhauer sogar in einem Essay von 1948. Heute zählt der Schweizer, der als Surrealist in Paris begonnen hatte, längst zu den populärsten - und am meisten gefälschten - Künstlern des 20. Jahrhunderts.
Die in enger Kooperation mit der Fondation Alberto und Anette Giacometti (Paris) entstandene Duisburger Schau führt mit 120 herausragenden Exponaten durch das Thema, das sich rings um den stolzen Museums-Eigenbesitz der «Frau auf dem Wagen» von 1945 entwickelt.
Diese einzige Giacometti-Gipsskulptur in öffentlichem Besitz in Deutschland trifft zum ersten Mal auf ihre drei späteren Varianten, die - bis zu einer 1964 gegossenen Bronze-Version aus der Stuttgarter Staatsgalerie - wie vier «Schwestern» den subtilen Schaffensprozess des Giacometti-Motivs erklären. «Dies ist das Schlüsselwerk zu allen seinen anderen Werken», urteilen die beiden Ausstellungskuratoren Véronique Wiesinger und Gottlieb Leinz.
Kommt der archaisch-streng wirkende Frauenakt von fast 1,60 Metern Größe auf seinem klotzartigen Sockel mit den vier winzigen Rädern noch erdschwer daher, stellt sich bald heitere Leichtigkeit ein: Bei «Der Wagen» (1950), den das New Yorker Museum of Modern Art entliehen hat, schwebt die spindeldürre Frau einer Göttin gleich in waghalsiger Balance auf ihrem hochräderigen Gefährt. Sakrale Distanz bei gleichzeitiger Nähe, Bewegung bei gleichzeitiger Starre mischen sich voller Spannung in diesem bronzenen «Kultwagen» der Kunst, der wie ein ferner Nachhall aus Giacomettis surrealem Beginn wirkt.
Nicht nur ganze Reihen teils nie öffentlich gezeigter Atelier- Fotos, Skizzen und Aufzeichnungen geben Einblick in den Schaffensprozess des Künstlers. Auch eine Reihe Miniatur- Porträtbüsten («Kleiner Kopf Diego»/um 1936) und kleiner Menschenstatuen wie der nur 11 Zentimeter hohe Künstler-Neffe «Silvio, stehend» (1943) zeigen das frühe Werk des gerade vom Surrealismus abgewandten Künstlers.
Wie wenig wahre künstlerische Größe mit Länge, Höhe oder Breite zu tun hat, das zeigt in der Duisburger Ausstellung Giacomettis um 1937 entstandene «Sehr kleine Figurine»: Die winzige Gips-Gestalt von knapper Streichholz-Länge «füllt» mit ihrer Aura mühelos eine eigene große Museumsvitrine.
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