| Kunst «anne Bude»: Ruhr.2010 macht Kioske zur Klein-Galerie Von Rolf Schraa, dpa |
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| Montag, 21. Juni 2010 um 06:50 Uhr | ||
Kultiges Kunsthandwerk gibt es nicht nur in teuren Läden mit hochnäsigen Verkäufern: Die Kulturhauptstadt hat 30 ganz normale Trinkhallen im Revier als «Designkiosk» bestückt. Vor den Vitrinen kommen Kunden zusammen, die sich sonst selten treffen.
Essen (dpa/lnw) - «Pottlappen» aus alten Baumwoll- Zechenhandtüchern, Eierkohle mit Goldstaub als Halskette oder ein Kaffeebecher, dessen Porzellanstruktur aussieht wie eine kleine Turbine - hochwertige Mitbringsel von Hand gefertigt und mit Ruhrgebietsflair haben Besucher der Region bisher oft vermisst. Die Kulturhauptstadt hat in einem Wettbewerb 30 Gegenstände ausgewählt und vertreibt sie mit ihrem Projekt «Designkiosk» bis zum 1. August für maximal 20 Euro pro Stück an ganz normalen Trinkhallen.
Die Nachfrage überstieg jede Erwartung. Einige Künstler, zum Beispiel die «Pottlappen»- Produzentin Barbara Lange aus Essen, machen buchstäblich Nachtschichten, berichtet Projektautor Sigurd- Christian Evers. Viele Stücke sind zeitweise ausverkauft, kein Kiosk hat das ganze Sortiment - und das ist durchaus beabsichtigt: «Die Leute sollen suchen. Auf dem Weg von Kiosk zu Kiosk lernen sie das Ruhrgebiet kennen - und die Menschen, die jeden Tag an ihrer Bude stehen», sagt Projektautorin Silke Seibel.
Manche Stücke sind durchaus eine Provokation für Menschen, die ein knappes Gehalt mit körperlicher Arbeit verdienen oder von Hartz IV leben - etwa die «Ruhrsteine» der Designer Fabian Baumann und Sönke Hoof: flache Steinimitate aus Beton mit eingegossenem Wegwerfsymbol. «Zum Ditschen übers Wasser der Ruhr», empfehlen die Künstler - fünf Steine für 19,90 Euro. «Wat isn dat fürn Scheiß», fragen manche Kunden etwa am Kiosk von Jürgen Richter (50) im rauen Essener Norden, wenn sie so was sehen. «Ach, Du hast doch kein Ahnung», sagt dann nach Richters Erfahrung irgendwer. Und schon diskutiert die Bude über Kultur.
An den Kiosk-Theken treffen sich design-affine Ruhr.2010-Touristen aus ganz Deutschland, die im Internet von dem Projekt gelesen haben, mit Bauarbeitern und Arbeitslosen - Konflikte oder gegenseitiges Unverständnis durchaus miteingeschlossen. «Das ist mir grad ein bisschen viel Kultur hier», sagt eine Stammkundin in Almuth Boyens Kiosk in Oberhausen, als eine ganze Gruppe von Interessenten nach den Designstücken fragt. Sie geht aber nicht ohne ein «Bis später».
Das große Geschäft bringen die Plexiglasständer mit der Designware in roten Pappschächtelchen nicht - da sind sich alle Kioskbetreiber einig. Für die Umsätze sorgen andere Waren - etwa Boysens gut bestückte Präsentkörbe mit Hochprozentigem oder bei Richter das beeindruckende Sortiment an schwarz-rot-goldenen WM-Devotionalien. «Designkiosk» bringt anderes: Aufmerksamkeit von außerhalb und ein bisschen neues Selbstbewusstsein. «Meine Stammkunden sind stolz, dass wir der einzige Designkiosk in Oberhausen sind», sagt Boysen.
«Diese Region soll erst mal selbst merken, was sie für ein reiches Kulturangebot hat», sagt Evers. Die von der Kulturhauptstadt immer wieder eingeforderte «Strahlkraft nach außen» kommt dann von selbst. Um weiter entfernte Ruhrgebietsfreunde und einst weggezogene «Ruhris» nicht zu sehr zu benachteiligen, bietet die Kulturhauptstadt - gegen den eigentlichen Gedanken des Projekts - die Kunstwerke auch zur Bestellung im Internet an. Die dort eingegangenen Wünsche sollen über das Projektende hinaus noch bis in den Herbst abgearbeitet werden.
Für das mit Abstand beliebteste Designstück, den «Pottlappen», steht dort aber schon «ausverkauft» - obwohl Produzentin Barbara Lange inzwischen Hilfe von ihrer Tochter beim Lappenquilten hat.
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