| Nicht politisch, sondern aufklärerisch - Anselm Kiefer 65 Von Sabine Glaubitz, dpa |
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| Dienstag, 02. März 2010 um 07:13 Uhr | ||
Paris (dpa) - Anselm Kiefer hat sich der Aufarbeitung der Geschichte verschrieben, einer Geschichte, die bis in die Mythologie wurzelt. Doch auch vor der jüngsten deutschen Vergangenheit macht der Maler und Bildhauer nicht Halt. Kiefer ist einer der wenigen deutschen Künstler, die sich mit der schmerzhaften Zeit des Nationalsozialismus beschäftigen. Seine Art der Vergangenheitsbewältigung - unter anderem Selbstporträts, auf denen er mit Hitlergruß posiert - hat ihn nicht nur zu einem der bekanntesten Künstler gemacht, sondern auch zu einem der umstrittensten. Doch nicht nur das. Kiefer, der am Montag (8.3.) 65 Jahre alt wird, erhielt für sein Werk auch als erster Bildhauer den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels.
Das Symbol der Versöhnung und des Ausgleichs, das bis 2008 nur für Schriftsteller und Intellektuelle bestimmt war, hat aus Kiefer keinen politischen Künstler gemacht. «Ich habe kein Programm, ich gehöre zu keiner Partei», sagte der Maler in einem Interview mit der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung» nach seiner Auszeichnung mit dem renommierten Friedenspreis. Dabei war ihm sein Heimatland nicht immer wohlgesonnen. Hinter seiner «Hermannsschlacht» und «Deutschlands Geisteshelden» vermuteten einige Kritiker ästhetische Faszination des Faschismus und Wiederbelebung altgermanischer Mythen und Sagen. Sie warfen ihm vor, die nationalsozialistische Vergangenheit nicht eindeutig genug verdammt zu haben.
Für den Schüler von Joseph Beuys ging es in den 70er und 80er Jahren vor allem darum, die Problematik des Dritten Reiches darzustellen und dessen Symbole zu entmystifizieren. «Ich habe sie auf diese Art wieder entleert. Es kann ja nicht sein, dass sie, weil ein Terrorregime sie zwölf Jahre missbraucht hat, für immer tabu sein sollen», sagte er dem Magazin «Focus».
Als Aufklärer im deutschen Geschichtsraum sieht ihn auch der Kunsthistoriker Werner Spies. Er gehöre zu den deutschen Künstlern, die sich in der Tradition von Max Beckmann oder Otto Dix wieder als Akteur einer für die deutschen unentbehrlichen Auseinandersetzung mit Geschichte verstünden, sagte Spies in seiner Friedenspreis-Laudatio auf Kiefer. Spies war nicht immer ein überzeugter Anhänger des Malers. Im Jahr 1989 sah er in Kiefers Kunst noch schlecht kaschierten Masochismus.
Kiefer lebt seit mehr als 15 Jahren in Frankreich. Mit dem räumlichen Abstand zu Deutschland hat sich auch seine Fixierung auf das Trauma der nationalsozialistischen Vergangenheit gelegt. Seine thematischen Bezüge haben sich erweitert. Neben der jüdischen Mystik hat vor allem die klassische Kosmologie und Themen wie Erschaffung der Welt, Zerstörung und Erneuerung verstärkt Niederschlag in seinen Werken gefunden. Ihre Monumentalität und Trümmerästhetik hat seine Kunst dadurch nicht verloren. «Wenn ich heute Filme sehe von den ausgebombten Städten, dann empfinde ich das bisweilen sehr schön. Trümmer sind ja eigentlich Kunst», erklärte der Künstler in einem «Spiegel»-Interview.
Vor mehr als zwei Jahren zog Kiefer von seinem 35 Hektar großen Gelände im südfranzösischen Barjac in die Nähe von Paris, wo er 2008 als erster deutscher Künstler eine Ausstellung im Grand Palais gestalten durfte. Gezeigt hat er einen Turm aus Containern und sieben Wellblechhäusern. In ihnen hingen riesige Werke, die auf Krieg, Zeitlichkeit, ewige Mythen und das unendliche Weltall anspielten und den Schriftstellern Ingeborg Bachmann und Paul Celan gewidmet waren - Lieblingsautoren des Künstlers und Bibliophilen, der selber gerne Schriftsteller geworden wäre.
Kiefer will kein politischer Künstler sein. Ist er dann ein Provokateur, ein Aufklärer oder ein Künstler mit Größenwahnphantasien, den die Macht fasziniert? Die Antwort überlasst Kiefer jedem selbst: «Jeder Betrachter vollendet für sich mein Werk.»
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