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Abstrakte Kunst


von Michael Külbel




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Kunst & Kultur

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„Wahre abcontrafactur“ – Kabinett-Ausstellung wird am Samstag eröffnet PDF Drucken E-Mail
Mittwoch, 03. März 2010 um 19:41 Uhr

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Am 6. März 2010 eröffnet das Schlossmuseum Gotha die Kabinett-Ausstellung „Wahre abcontrafactur“ – Luther und bedeutende seiner Zeitgenossen im graphischen Porträt des 16. Jahrhunderts, die bis zum 25. Juli 2010 zu sehen werden wird. Die Ausstellung steht in Zusammenhang mit den vielfältigen Ausstellungen und Aktionen der „Luther-Dekade“, deren Höhepunkt das Jahr 2017 sein wird. Gezeigt werden 40 ausdrucksstarke Porträts aus der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts in Holzschnitt, Kupferstich und Radierung. Neben mehreren Porträts Luthers finden sich Bildnisse von sächsischen Kurfürsten und anderen Förderern und Gegnern der Reformation. Neben den eigentlichen politischen und theologischen Akteuren der Reformation sind auch Zeitgenossen wie Jakob Fugger, Erasmus von Rotterdam, Hans Sachs, Paracelsus, Pirckheimer und auf einem besonders bemerkenswerten Blatt Sultan Süleyman der Prächtige zu sehen. In den Porträts, die u. a. von den beiden Cranachs, Beham, Brosamer und Dürer stammen, wird die Zeitgeschichte lebendig. Der Titel der Ausstellung bezieht sich auf den typographischen Text mehrerer Blätter, wo betont wird, dass es sich bei dem jeweiligen Porträt um eine „wahrhafftige abcontorfeyhung“ oder eben eine „wahrhafte abcontrafactur“ handelt.

 

Michael Ostendorfer (um 1494-1559)

Hans Sachs (1494-1576), 1546

Holzschnitt, koloriert mit typografischem Text

 

Ein Spitzenstück der Ausstellung ist die Originalkupferstichplatte Dürers mit dem Porträt Melanchthons (1526). Die meisten der im Originalkolorit erhaltenen Porträtblätter sind Unikate und stammen aus der bedeutenden Einblattdruck- und Flugblattsammlung Herzog Ernsts I. von Sachsen-Gotha, der Grundstock der 1656 begründeten Friedensteinischen Kunstkammer. Die mehrere hundert Blatt umfassende Sammlung stellt europaweit einen kultur- und kunstgeschichtlichen Schatz von außergewöhnlicher Bedeutung dar.

 

Anfang des 20. Jahrhunderts beschrieb der damalige Direktor des herzoglichen Museums in Gotha, Geheimrat Karl Purgold (1850-1939), die Gothaer Sammlungen und stellte die Vermutung an, dass der Herkunftsort der Einblattdrucke in der Prager Kunstkammer Kaiser Rudolfs II. (1552-1612) zu suchen sei. Richtig ist, dass eine Reihe von Kunstgegenständen der kaiserlichen Kunstkammer durch die Ereignisse des Dreißigjährigen Krieges mehrfach ihren Standort wechselte, einige auch Eingang in die Weimarer Kunstkammer fanden und durch Herzog Ernst den Frommen mit in seine neue Residenz gebracht wurden. Nur konnte dies bisher nie eindeutig belegt werden. Der mehrere hundert Blatt umfassende Bestand an Einblattdrucken mit und ohne Typentext und die große Anzahl an druckgrafischen Arbeiten aus dem Umkreis Albrecht Dürers, der Familie und Werkstatt Cranach legen einen anderen Schluss jedoch näher: Es handelt sich hier um alten ernestinischen Kunstbesitz der bis 1547 in Wittenberg regierenden ernestinischen Kurfürsten. Auch die fast ausschließlich protestantische Ausrichtung der Einblattdrucke erhärtet diese Annahme, den Ursprung der Sammlung weit eher im Zentrum der Reformation zu suchen als in der Kunstkammer der katholischen Habsburger-Kaiser. Für die sächsischen Fürsten, die oft sehr engagiert die Reformation und auch Luther persönlich unterstützten, waren diese Blätter hochinteressante Sammelobjekte. Wahrscheinlich gelangte dieser älteste Grafikbestand geschlossen über Weimar durch Ernst den Frommen nach Gotha.

 

Hans Brosamer (um 1480 / 90 – 1552)

Porträt von Dr. Martin Luther (1483-1546), 1530

Holzschnitt, koloriert mit typografischem Tex

 

Bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts blieben diese Kostbarkeiten den meisten Besuchern der Sammlungen und den Benutzern des Kupferstichkabinetts unbekannt. Karl Purgold, Anfang des 20. Jahrhunderts Direktor des Herzoglichen Museums Gotha, ließ vor ca. 100 Jahren die seit dem 16. Jahrhundert in Klebebänden aufbewahrten Blätter herauslösen. Ihre außerordentliche kunst- und kulturgeschichtliche Bedeutung erkennend, fertigte er ein handgeschriebenes Inventar an, in dem er erstmalig die einzelnen Blätter ordnete, nummerierte und sie nach der damaligen Möglichkeit beschrieb. Künstler, Drucker, Druckorte wurden nun erfasst und eine kurze Zustandsbeschreibung hinzugefügt.

 

Die Sammlung an Einblattdrucken gehört innerhalb des Kupferstichkabinetts wohl zu den Bereichen, an die die meisten Leih- und Publikationswünsche herangetragen werden. Nach restauratorischer und konservatorischer Überprüfung konnten in den letzten Jahrzehnten die Gothaer Blätter in zahlreichen Sonderausstellungen des In- und Auslandes bewundert werden (u.a. 1995 Tokio, 1998 Prag, 2004 Montbéliard und 2009 Nancy). Die vielfältigen ausdrucksstarken Porträts, Landsknechts- und Türkendarstellungen, Monstrositäten oder Wunderzeichen ziehen die Menschen auch noch nach fast 500 Jahren in ihren Bann.

 

Auch wenn die in Gotha verbliebenen Sammlungen noch heute zu beeindrucken vermögen, so mussten sie doch in der neueren Geschichte Einbußen hinnehmen. Dies gilt auch für die Sammlung der Einblattdrucke und Flugblätter. Bereits in den 1930er Jahren kam es zu einzelnen Verkäufen, besonders herb aber waren die Verluste in der unmittelbaren Nachkriegszeit: Große Bestände der Kunstsammlungen wurden in die Sowjetunion abtransportiert, bei anderen Blättern kam es zu Entnahmen und Verlusten. Erst in den 1950er Jahren lassen sich im Schweizer Kunsthandel einzelne Blätter nachweisen. Als 1958 die Sammlungen aus der Sowjetunion nach Gotha zurückverbracht wurden, erstellte die damalige wissenschaftliche Mitarbeiterin und spätere Direktorin Ingeburg Neumeister (gest. 1977) ein Verlustverzeichnis dieser Sammlung: Von den einstmals 363 „Bildnissen und Kriegsvolk“ sowie 324 Flugblättern musste sie einen Fehlbestand von 136 Blatt dokumentieren!

 

Die Stiftung Schloss Friedenstein Gotha ist bestrebt, Sammlungen, die (zu Recht oder zu Unrecht) abhanden gekommen sind, zurück zu erwerben, um den ehemaligen barocken Bestand für die Besucher zukünftig zu erschließen. Insofern war es ein besonderer Glücksfall, dass unlängst 13 der abhanden gekommenen Blätter – meist Unikate unter anderem von Lucas Cranach dem Älteren – im Kunsthandel auftauchten. Die sorgfältige Prüfung ergab, dass die Blätter zurück erworben werden mussten. Da die Stiftung über keine eigenen Ankaufsmittel verfügt, wurde ein uns seit Jahren vertrauter Partner gewonnen, der schon viele Objekte für Gotha sicherte und erwarb: Die Ernst von Siemens Kunststiftung. Die internen Bestimmungen der für Deutschland so engagierten Stiftung sehen allerdings vor, dass die erworbenen Kunstwerke dauerhaft der Öffentlichkeit gezeigt werden sollen, was bei Graphiken aus konservatorischen Gründen leider nicht möglich ist. Dennoch sicherte die Ernst von Siemens Kunststiftung durch einen zinslosen Kredit auf sehr problemlose und unbürokratische Weise den Ankauf der Blätter. An dieser Stelle sei der Ernst von Siemens Kunststiftung herzlich nicht nur für dieses Engagement gedankt, sondern für alle anderen guten Taten für Gotha in den vergangenen Jahren! Die Ausstellung verfolgt nicht zuletzt auch den Zweck, Spender für die endgültige Erwerbung der Blätter zu gewinnen.

 

Im Begleitband zur Ausstellung (auf Schloss Friedenstein 11,80 €, im Buchhandel 14,80 €) von Bernd Schäfer werden die 13 wiedergewonnenen Blätter in einem Anhang im Bild vorgestellt. Drei Blätter werden überdies in der Ausstellung präsentiert.



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