| Freuds Fleischporträts: Mehr als Neurose mit Wülsten Von Sabine Glaubitz, dpa |
|
|
|
| Mittwoch, 10. März 2010 um 10:58 Uhr | ||
Paris (dpa) - Die kruden Fleischmassen von Lucian Freud sind nicht jedermanns Geschmack, schon gar nicht der der Franzosen. Der Brite ist zwar einer der meist gefeierten und teuersten zeitgenössischen Künstler, doch in Frankreich sehr umstritten. Die Franzosen haben traditionell eine Scheu vor expressiver Kunst und finden die Akte monströs und hässlich. Die Ausstellung «Lucian Freud. Das Atelier», die von diesem Mittwoch an im Centre Pompidou in Paris zu sehen ist, will versuchen, die Franzosen mit der Kunst des 87- jährige Enkels von Sigmund Freud auszusöhnen. «Wir sind überzeugt davon, dass seine Malerei auf mehr Verständnis stoßen wird», sagte der Direktor des Pariser Kulturzentrums.
Freud wird in Frankreich kaum ausgestellt und noch weniger gesammelt. Die letzte große Werkschau fand 1987 im Pariser Centre Pompidou statt. Die französischen Kunstkritiker gingen damals hart mit Freud ins Gericht. Als «Feuerwehrmann erweiterter Äderchen» wurde er bezeichnet. Auch vor der jetzigen rund 80 Werke umfassenden Ausstellung wetterten einige Kunstexperten heftig. Freud gehöre zu den Künstlern, die sich im Sumpfloch des zähen Fleisches verirrt hätten, meinte zum Beispiel Pierre Sterckx. «Rembrandt hat Fett in Gold verwandelt und den Körper Christi in Licht. Nichts dergleichen bei Freud. Er hat keinen Stil. Seine Malerei ist die eines einsamen Malers, der altert, und eine große Neurose mit Wülsten», sagte der Kunstkritiker.
Das Centre Pompidou ist aus diesem Grund sehr pädagogisch vorgegangen. Denn statt mit Freuds berühmten Nackten beginnt die Ausstellung, die bis zum 19. Juli dauert, mit einem etwas surrealistischen Bild, das «Atelier» heißt. Darauf ist ein Zebra zu erkennen, das durch ein Fenster in einen Raum schaut, in dem nur ein altes Sofa steht. Das Bild stammt aus dem Jahr 1944 und hat der Ausstellung auch ihren Namen gegeben. «Freuds Leben spielt sich in seinem Atelier ab. Diese Welt wollen wir anhand seiner Werke zeigen», erklärte die Kuratorin Cécile Debray.
In dieser kleinen Welt, die Freud nur selten verlässt, sind auch seine Stadtlandschaften entstanden, die er vom Fenster seiner verschiedenen Ateliers aus sehen konnte, graue Londoner Großstadtfassaden, schmutzige Hinterhöfe, aber auch die Akazie, die in seinem Garten blüht, und Selbstporträts. Doch eine Freud- Ausstellung kommt ohne die berühmten fleischigen Akte nicht aus, von denen das Centre Pompidou in den letzten beiden Ausstellungssälen die berühmtesten vereinen konnte. «Benefits Supervisor Sleeping«, das eine 125 Kilogramm schwere nackte Britin zeigt und 2008 für 21,7 Millionen Euro versteigert wurde, ist ebenso zu sehen wie die imposanten Porträts von Leigh Bowery, Kultfigur der Londoner Clubszene.
Die zahlreichen großformatigen Akte in greller Beleuchtung dominieren den Gesamteindruck der Ausstellung für einen Künstler, der nie einer Kunstrichtung gefolgt ist. Seine Malerei zeichnet sich von Anfang an durch einen pastosen Farbauftrag aus, kräftige Pinselstriche und eine Farbpalette, die aus Braun, Grau und Weiß besteht. Freud ist seinem Stil in den vergangenen vierzig Jahren treugeblieben, vor allem seinem Sujet, dem fleischigen Akt. «Meine Art und Weise zu malen, mag ein Gefühl des Unwohlseins auslösen, so wie das Leben manchmal Unbehagen erzeugt», erklärte Freud, der sich wünscht, dass seine Formen die Gefühle beeinflussen und nicht die Gefühle seine Formen.
Mehr zu Lucian Freud
|
























































