| Museum für populäre Druckgrafik eröffnet |
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| Montag, 15. März 2010 um 20:20 Uhr | ||
Faszinierend sind sie, die vielen bunten Bilder im „Feld-Haus“, die uns in geheimnisvoller Weise in ihren Bann ziehen. Vielfach wecken sie Erinnerungen und Emotionen, rufen Vorstellungen wach, lassen staunen, irritieren, geben Rätsel auf, zeigen Vertrautes wie Unbekanntes. Allen diesen Bildern ist jedoch gemein, das sie zum Bereich der populären Druckgrafik gehören und Zeugnisse für das Urbedürfnis des Menschen sind, sich ein Bild von der Welt zu machen und sich durch Bilder über die Welt ins Bild zu setzen.
Das Verlangen der Menschen nach konkreter Anschauung konnte seit dem Mittelalter durch Druckerzeugnisse wie durch die „Armenbibel“, die Andachtsblätter mit biblischen Szenen und Heiligendarstellungen und den Bildergeschichten z.B. von Sebastian Brant befriedigt werden. Davon ausgehend entwickelten sich in den darauffolgenden Jahrhunderten weitere Formen der Druckgrafik.
Das „Feld-Haus“ lädt nun zum Sehen und Entdecken dieser Bilder-Welten aus der Zeit zwischen dem 18. und 20. Jahrhundert ein. Darunter befinden sich neben alten Einblattdrucken mit Grüßen zum neuen Jahr vor allem Andachtsgrafiken mit Abbildungen von Heiligen und Szenen aus der Bibel, Freundschafts- und Glückwunschkarten, Wiener Kunstbillets, Öldrucke und Lithographien als Wandschmuck mit romantischen und religiösen Bildmotiven, Bilderbogen mit lehrreichen und religiösen Geschichten, Ausschneide- und Krippenbogen, Spiele, Bilderbücher, Poesiealben u.v.a.m. Diese enorme Vielfalt belegt, wie stark die populäre Druckgrafik in alle Lebensbereich hineinreichte.
Die gedruckten Bilder lassen uns heute aber nicht nur staunen. Sie sind auch wichtige Dokumente. Wie kaum einem anderen kulturhistorischen Gegenstand wohnt gerade den Zeugnissen der populären Druckgrafik aus der Zeit zwischen dem 18. und 20. Jahrhundert eine über diese Epochen hinausreichende kulturelle und gesellschaftliche Relevanz inne. Denn sie künden in dichtester Weise von Wertvorstellungen und Weltanschauungen vergangener Zeiten, die aber vielfach noch heute gültig sind.
Zudem entstanden viele Objekte in der Phase, als sich das Leitbild der bürgerlichen Familie und die Geschlechterrollen, wie wir sie noch heute kennen, ausprägten. Und gerade die Freundschaftsbillets entwickelten sich erst, als sich in Deutschland das Bürgertum ins Private zurückzog. Aus Enttäuschung über die versagten politischen Rechte, die die Fürsten den Bürgern nach dem Sieg über Napoleon entgegen ihren Zusagen vorenthielten, begann man die Familie als Ort des Rückzugs zu pflegen und die Beziehungen zu emotionalisieren. Ebenso wurden die Kontakte zu Freunden aufgewertet. So schenkte man sich als Liebes- und Freundschaftsbeweise Kärtchen mit entsprechenden Symbolen und Reimen. In ihnen spiegelt sich also die kulturelle und historische Entwicklung unserer bürgerlichen Gesellschaft. Die Grafiken mit Darstellungen von historischen Ereignissen, rührseligen Geschichten und Porträts der Herrscherfamilien können als Vorläufer der Illustrierten verstanden werden. Und die zahlreichen Bilderbogen mit ihren erzählenden Geschichten lassen erkennen, wo die Wurzeln der heutigen Comics liegen. Ferner sind die Druckgrafiken Zeugnisse für die Popularisierung und Demokratisierung von Kunst und Kultur, da sie nicht nur wegen des „Bilderhungers“ der Menschen, sondern auch aufgrund von gesellschaftlichen, technischen und kommerziellen Prozessen in allen Schichten massenhaft verbreitet waren. Damit haben die „Bilder für Jedermann“ eine politische und gesellschaftlich relevante Dimension.
Die populären Bilder prägten aber nicht nur die unterschiedlichen Bevölkerungsschichten. Sie gaben auch Anregungen für die Hochkunst. Seit Paul Gauguin haben sich moderne Maler gerade von den flächig gedruckten Farbformen der Darstellungen inspirieren lassen. Dies wird durch einen Vergleich mit den Werken der Nabis Pierre Bonnard, Maurice Denis, Paul Ranson und Edouard Vuillard im Clemens-Sels-Museum deutlich.
Dass so zahlreiche Zeugnisse aller Sparten der populären Druckgrafik gezeigt werden können, ist Dr. Irmgard Feldhaus zu verdanken. Die ehemalige Leiterin des Clemens-Sels-Museums Neuss hat in Jahrzehnten eine mehr als 5000 Objekte umfassende Sammlung aufgebaut, die sie im Jahr 2006 der Stadt Neuss übereignete.
Im Jahr 2010 hat diese Sammlung ihre Heimat in einem eigenen Museum gefunden – dem „Feld-Haus“, einer Dependance des Clemens-Sels-Museums. Das Gebäude selbst ist eine Architekturskulptur des dänischen Architekten und bildenden Künstlers Per Kirkeby und befindet sich auf dem Kirkeby-Feld zwischen der Insel Hombroich und der Raketenstation.
Die Vielfalt der thematischen Aspekte, die die Sammlung zur populären Druckgrafik bereithält, bietet nicht nur die Möglichkeit, im „Feld-Haus“ Wechselausstellungen zu zeigen, sondern auch die Dauerausstellung selbst immer wieder weiterzuentwickeln. |
























































