| 100 Jahre Käthe-Kruse-Puppe: Die Schöpferin privat Von Elke Vogel, dpa |
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| Sonntag, 21. März 2010 um 09:37 Uhr | ||
Leipzig (dpa) - Unschuldig und brav sehen ihre Puppen aus. Auch Käthe Kruse selbst, die Schöpferin der vor 100 Jahren der Öffentlichkeit vorgestellten Spielzeuge, wirkt auf den ersten Blick nicht wie eine Revolutionärin - sanfte Augen, zurückhaltendes Lächeln und ein ordentlich geflochtener Haarkranz. Erstmals ist jetzt der private Nachlass von Kruse (1883-1968) ausgewertet worden. Die Historikerin Gabriele Katz zeigt in ihrem am Freitag auf der Leipziger Buchmesse (bis 21.3.) vorgestellten Buch «Käthe Kruse. Die Biografie» (Osburg Verlag, Berlin), dass der erste Blick täuscht. Nach wilden Jugendjahren wurde die leidenschaftliche Frau und siebenfache Mutter eine erfolgreiche Unternehmerin - auch wenn der Preis hoch war.
«Käthe Kruse war eine total emanzipierte Frau. Sie ist immer selbst für sich eingestanden, war immer beruflich aktiv und hat ihren Lebensunterhalt selbst verdient», sagt Katz. Ihr Leben lang habe Kruse Kalender und tagebuchartige kleine Hefte geführt. «Da stehen die ganz privaten Dinge drin.»
In ärmlichen Verhältnissen als Katharina Simon aufgewachsen, fiel die junge Frau im sittenstrengen Berlin der Kaiserzeit durch Lebenslust und Temperament auf. Katharina hatte viele Verehrer, amüsierte sich auf Bällen und trat unter einem Künstlernamen im Berliner Lessingtheater und im ersten deutschen Kabarett, dem Überbrettl, auf.
Sexy Korsett-Kleid gegen weites Reformkleid
Extrem eng geschnürte Korsett-Kleider waren damals der letzte Schrei - auch Katharina geizte nicht mir ihren Reizen. Über die starren Standesgrenzen hinweg angelte sie sich schließlich den damals schon berühmten, 29 Jahre älteren Bildhauer Max Kruse. Der Secessions-Künstler forderte nicht nur gestalterische Freiheit in der Kunst, sondern kämpfte auch gegen die bürgerliche Moral, zum Beispiel die konventionelle Ehe. Dass das nicht automatisch auch Freiheit für die Frau bedeutet, musste Käthe, wie Max Kruse sie nannte, schon bald schmerzhaft erfahren.
Der soziale Unterschied zwischen den Liebenden machte Kruse wohl schwerer zu schaffen, als er sich selbst eingestehen mochte. Käthes Bühnenauftritte fand er grässlich. Ihre Gefühlsausbrüche in der Öffentlichkeit waren ihm peinlich. «Ich durfte mich nicht einmal mehr anziehen, wie ich wollte», schrieb Käthe damals. Max war gegen die körperbetonte Mode der Kaiserzeit und wollte seine Freundin «bescheiden» in ein weites Reformkleid gewandet sehen.
Umzug an den Lago Maggiore
In der Anfangsphase ihrer Beziehung wartete Käthe oft stundenlang vor der Wohnungstür Kruses, bis der Mann endlich nach Hause kam. «Doch die junge Schauspielerin war entschlossen, fest entschlossen, den Geliebten an sich zu binden, selbst wenn sie sich dafür erniedrigen musste», schreibt Katz. Lange lebten Käthe und Max in «wilder Ehe» - damals ein Skandal. Als seine Geliebte zum zweiten Mal schwanger wird, schickt Kruse sie ins Ausland - der Künstler fürchtete gesellschaftliche Konsequenzen für sich. Bei der Gemeinschaft der sogenannten Lebensreformer auf dem Monte Verità am Lago Maggiore begann für Käthe ein neues, kreatives Leben. Vielleicht war es kein Zufall, als sich ihre älteste Tochter eine Puppe wünschte, Kruse aber nicht die passende fand und daraufhin ärgerlich meinte: «Macht euch selber welche!»
1910 wird die «Puppe I» erstmals ausgestellt
Ihre erste Puppe bastelte Käthe noch mit einer Kartoffel. Keine steife Porzellanpuppe, sondern eine kindgerechte Puppe zum Spielen und Liebhaben wollte sie ihren Töchtern geben. Die Lösung war ein Körper aus Stoff und ein Gesichtchen, an dessen Gestaltung auch Kruse seinen Anteil hatte. Nach einigem Ausprobieren kam 1910 der Durchbruch: Käthe stellte ihre berühmte «Puppe I» im Berliner Kaufhaus Tietz aus - mit enormem Erfolg. 1912 eröffnete sie in Bad Kösen in Sachsen-Anhalt ihre eigene Werkstatt, weil die Aufträge immer größer wurden. Ihr im entfernten Berlin lebender Mann betrachtete den Erfolg seiner Ehegattin missgünstig, weil er sich in den Schatten gestellt fühlte, wie Katz schreibt. Das Leben war für Käthe auch mit dem Erfolg nicht einfacher geworden.
Die Autorin recherchierte für ihr Buch im Germanischen Nationalmuseum Nürnberg, wo im Deutschen Kunstarchiv mehr als zehn laufende Meter Akten der Familie Kruse lagern, wie sie berichtet. Dazu gehören Tagebücher, Kalender, Briefe, Fotos und Zeichnungen, aber auch Theaterzettel und Hotelrechnungen. Entstanden ist daraus die spannende Geschichte eines schwierigen Frauenlebens.
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