| Von Grass bis Jens: 50 Jahre Akademie im Hansaviertel Von Wilfried Mommert, dpa |
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| Mittwoch, 05. Mai 2010 um 06:57 Uhr | ||
Berlin (dpa) - Erst bekamen die West-Berliner von den Amerikanern die Kongresshalle und die Gedenkbibliothek geschenkt. Dann kam der «reiche Onkel aus Amerika», der aus Berlin stammende und in die USA ausgewanderte Unternehmer Henry H. Reichhold, und vermachte dem bedrohten und eingeschlossenen West-Berlin das neue Akademiegebäude im Tiergarten. Reichhold versprach sogar, nicht nur den Neubau zu 100 Prozent, sondern auch die Veranstaltungskosten der ersten Jahre zu übernehmen. Die Freude war groß - auch bei Bund und Ländern, die vorher erfolglos um Mithilfe gebeten worden waren.
Heute wird die Akademie in der deutschen Hauptstadt mit ihrem 2005 eröffneten Hauptsitz am Pariser Platz und der Dependance im Tiergarten vom Bund getragen. An diesem Wochenende feiert die von Klaus Staeck geleitete Akademie den 50. Geburtstag ihres Nachkriegsneubaus am Hanseatenweg im Hansaviertel. Er wurde im Juni 1960 - ein Jahr vor dem Mauerbau - eröffnet.
Sein Architekt Werner Düttmann wurde später Direktor der Abteilung Baukunst in seinem neuen Haus und von 1971 bis zu seinem Tod 1983 Präsident der Akademie der Künste. Sie hatte damit nach dem Krieg endlich einen festen Sitz im Westen der Stadt, nachdem die «Konkurrenz-Akademie» in Ost-Berlin schon längst etabliert war.
Düttmann, der schon bei der von Hugh Stubbins entworfenen Kongresshalle, der «Schwangeren Auster», mitwirkte, schuf einen Neubau in strengen, kastenförmigen, aber auch großzügigen Formen. Es sind große Veranstaltungsräume sowie Ateliers, gedeckte Galerien, Wandelgänge und Sitzungsräume und Wohnungen. Zu deren ersten Bewohnern zählten Künstler wie Henry Moore - der auch die Plastik vor dem Eingang schuf -, Hans Werner Henze, Walter Gropius, Ingeborg Bachmann, Samuel Beckett, Vaclav Havel und Peter Weiss.
Die hellen Übergänge in die von Walter Rossow gestalteten Steingärten mit Teichen erinnerten manche Besucher auch an eine Klosteranlage. «Diese neue Heimstätte des Schönen, Wahren und Guten aus rohem Beton und und unverputztem Backstein mit Leben zu erfüllen und zum künstlerischen Mittelpunkt zu machen, ist jetzt die große Aufgabe der Künstler», hieß es seinerzeit in einem Zeitungsbericht. Eine jüngere Generation von Künstlern ließ sich das nicht zweimal sagen.
Joseph Beuys und drei zerstörte Konzertflügel
Das Haus am Hanseatenweg war das erste neu errichtete kulturelle Zentrum im Westen Berlins, wo in den ersten Jahren viel beachtete Ausstellungen zeitgenössischer Kunst gezeigt wurden. Die Neue Nationalgalerie von Ludwig Mies van der Rohe wurde erst 1968 eröffnet. Am Hanseatenweg wurden noch lange Zeit die Auseinandersetzungen zwischen den Anhängern der modernen, abstrakten und der mehr gegenständlichen Kunstrichtungen ausgetragen.
Ein Auftritt von Joseph Beuys, der drei zerstörte Konzertflügel und ein ratloses Publikum zurückließ - was seine Wahl zum Akademiemitglied zunächst verhinderte -, gehört auch zur wechselvollen und oft wildbewegten Chronik am Hanseatenweg.
Hier trafen sich Schriftsteller aus Ost und West noch vor dem Fall der Mauer zu Diskussionen, von Stephan Hermlin, Stefan Heym und Christa Wolf bis Uwe Johnson, Max Frisch, Rolf Hochhuth und Günter Grass, der hier am 8. Mai 1985 eine viel beachtete Rede zum 40. Jahrestag der deutschen Kapitulation im Zweiten Weltkrieg hielt.
Grass war am Hanseatenweg von 1983 bis 1986 Akademiepräsident. Er trat später aus Protest aus der Künstlersozietät aus, weil sie eine Solidaritätsveranstaltung für Salman Rushdie verweigert hatte. Erst 1998 kam es dort in Anwesenheit Rushdies zur allseitigen Versöhnung.
Langjähriger Akademiepräsident war der inzwischen demenzkranke Walter Jens. Er führte von 1989 bis 1997 die Künstler aus Ost und West mit viel Geschick zur damals heftig umstrittenen Vereinigung der beiden Akademien. Diese konnte schließlich 2005 ihren Neubau am Brandenburger Tor beziehen.
Der lange vor dem Fall der Mauer geplante Ausbau am Hanseatenweg wurde dafür gestoppt. Jetzt müssen aber dringend notwendig gewordene Sanierungsarbeiten ausgeführt werden. Glanzvoller Mittelpunkt der Akademie ist inzwischen der von Günter Behnisch entworfene, nicht unumstrittene Glaspalast am Pariser Platz. Präsident Klaus Staeck hat die Künstlersozietät nach einer schweren Krise und dem Rücktritt ihres Präsidenten Adolf Muschg wieder mehr in den Mittelpunkt des öffentlichen Interesses gerückt.
## Ort - [Akademie](Hanseatenweg 10, 10557 Berlin),(Pariser Platz 4, 10117 Berlin)
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