| Foto-Künstlerin zeigt den Wahnsinn des Kindesmissbrauchs Von Martin Oversohl, dpa |
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| Freitag, 07. Mai 2010 um 06:49 Uhr | ||
Karlsruhe (dpa/lsw) - Blanke Kacheln in einer Umkleidekabine, Toilettenpapier neben dem Bett, eine Kamera auf dem Boden - es sind die Details, die einem beim Betrachten der Fotografien von Katrin Jakobsen einen Schauer über den Rücken laufen lassen. Denn sie porträtieren nicht das eigentliche Verbrechen, die sexuelle Gewalt, den Kindesmissbrauch. Sie stellen vielmehr fiktive Szenen vor oder aber nach der Tat da, den Rest konstruiert der Betrachter automatisch. Unter dem trügerischen Titel «alles wird gut» zeigt Jakobsen in den kommenden Monaten die selbst gebastelten Puppenhäuser, in denen sie die Schicksale dargestellt und die sie später fotografiert hat. Das Karlsruher Zentrum für Kunst und Medientechnologie (ZKM) präsentiert vom Wochenende an rund 30 Werke.
Durch winzige Fenster fällt der Blick in die mühevoll gefertigten Stuben und auf die modellierten Figuren - der Betrachter wird zum Zeugen gemacht. «Jeder sieht da etwas anderes drin», ist Jakobsen überzeugt. Allerdings lässt sie der Fantasie wenig Alternativen, es ist allzu deutlich und schockierend, was als nächstes passiert oder was bereits geschehen ist. «Sie kreist das Thema ein und zeigt das Tabu», erklärt ZKM-Geschäftsführerin Christiane Riedel. «Hätte sie die Situation gezeigt, dann hätte der Betrachter wegschauen müssen oder wollen.»
Initialzündung für die Werke der Reportagefotografin waren neben Meldungen über den belgischen Kinderschänder Marc Dutroux Mitte der 1990er-Jahre auch Eindrücke von einer Asien-Reise. «Hier war ich mit all diesen vorübergehend zufriedenen Pädophilen im Flugzeug, die zurück in ihr "normales" Leben flogen. Es war so offensichtlich», sagt sie über die mitfliegenden Sex-Touristen auf dem Heimweg.
Als Ausdruck ihrer Kritik wählte sie das Puppenhaus, weil es die perfekte, kleine viktorianische Welt darstellt. «Es soll Kinder glauben machen, dass es keine dunkle Seite im Leben gibt», erklärt Jakobsen. Später schuf sie die Szenen in Kartons, die wie Film-Sets wirken mit detailliertem Innen- und Lichtdesign. Sie schaffen Szenen aus einem Kellerloch oder einem Kinderzimmer. Täter ziehen sich darin aus, die beschämten Jungen und Mädchen wenden sich ab.
Ihre Erfahrungen mit den Kindern und den Kunstwerken haben die 51- Jährige emotionalisiert. «Ich habe mit meinen Fingern gedacht und mit dem Kopf gefühlt», erklärt sie. Beim Formen der Plastilinfiguren, beim Nähen der Stoffe habe sie eine Art Opferschmerz gefühlt. Auch das ZKM ist sich der Gefühle bewusst, die die Kunstwerke auslösen können: Kinder unter 16 Jahren dürfen Jakobsens Ausstellung (bis zum 25. Juli) nicht ohne ihre Eltern besuchen.
Neben den weichgezeichneten Fotos und den detailliert ausgeschmückten Kartonstuben zeigt das ZKM bis zum 25. Juli auch Videos, Installationen und eine Plakatwand, die auf die Aktionen Jakobsens im öffentlichen Raum verweisen. Um die Menschen aufzurütteln, will die Wahl-Französin auch in Karlsruhe Plakate mit den Fotos aufhängen.
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