| Versicherer: «Wo es Kunst und Sammler gibt, gibt es Gier» Interview: Dorothea Hülsmeier, dpa |
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| Freitag, 05. November 2010 um 06:30 Uhr | ||
Es ist einer der größten Kunstfälscher-Skandale in Deutschland: Über Jahre hat eine Clique gefälschte Gemälde hochkarätiger Künstler des 20. Jahrhunderts in den Markt geschleust. Wie war das möglich?, fragen sich Experten bei einer Tagung in Köln
Düsseldorf/München (dpa/lnw) - Rekorde auf Auktionen und eine steigende internationale Nachfrage treiben die Preise für Kunst in die Höhe. Umso tiefer ist der Fall, wenn - wie jetzt im Skandal um die angebliche Sammlung Jägers - Dutzende vermutlich gefälschter Bilder enttarnt werden. Georg von Gumppenberg, Leiter Kunstversicherung der Allianz Deutschland AG, erklärt im Gespräch mit der Nachrichtenagentur dpa, wie raffiniert die Fälscher ans Werk gehen und die Experten überlisten können.
Der Skandal um die angebliche Sammlung Jägers hat den Kunstmarkt erschüttert. Gibt es Systemfehler, die Fälschungen erleichtern?
Gumppenberg: «Das klingt, als gebe es das regelmäßig. Das glaube ich aber nicht. Vielmehr wird in Einzelfällen immer geschickter vorgegangen. Generell kann man sagen, dass - so lange es Kunst und Sammler gibt - es Gier geben wird. Und wenn ich gierig bin, dann neige ich dazu, unter Umständen auch gelbe und rote Ampeln außer Acht zu lassen. Das scheint im Fall der Sammlung Jägers passiert zu sein. Da gab es Warnsignale: Wie kann das Bild in so einer Sammlung sein, wer ist überhaupt Herr Jägers gewesen? Diese gelbe Ampel haben gewisse Akteure möglicherweise außer Acht gelassen.»
Wäre Ihnen das als Versicherer auch passiert?
Gumppenberg: «Wir sind nicht schlauer als der Kunstmarkt. Aber wenn uns plötzlich ein Kunde so ein Bild ohne weiteren Markthintergrund zum Versichern angeboten hätte, dann hätten wir mit Sicherheit jede Möglichkeit von Experten ausgeschöpft, um zu prüfen, ob das echt sein kann. Aber wenn es wie bei dem Campendonk aus der angeblichen Sammlung Jägers über eine öffentliche Auktion gegangen ist, würden wir dem Schein wohl auch trauen.»
Was wird besonders oft gefälscht?
Gumppenberg: Grafik sehr viel. Bei Auflagen von 100 bis 150 Exemplaren ist der Nachweis schwer zu führen, dass es sich bei Blatt Nr. 125 auch um die konkrete Nummer aus der Auflage handelt und diese nicht mehrfach vorkommt. Tendenziell wird am liebsten das gefälscht, womit man den größten Profit machen kann. Bei Grafiken ist der Profit relativ hoch, weil der Aufwand für das einzelne Objekt nicht hoch ist, aber der Hebeleffekt über die Menge entsteht. Auch sehr hochwertige Gemälde werden gefälscht, und Güsse von Skulpturen sind sehr fälschungsanfällig. Da gibt es zum Beispiel posthume Nachgüsse und dann irgendwelche gierigen Erben, die möglicherweise Formen weiterbenutzen und nachproduzieren. Das ist sehr schwer zu beurteilen, da muss man Super-Spezialist sein. Es gibt auch alte Bilder aus dem 17. oder 18. Jahrhundert von miserabler bis guter Qualität. Bestimmte Experten schreiben dafür große Expertisen und machen so aus einem netten Landschaftsbild plötzlich einen berühmten Niederländer oder aus einer Heiligenszene einen Leonardo da Vinci.»
Was ist, wenn sich ein von Ihnen versichertes Bild nach Jahren als Fälschung herausstellt, zahlen Sie dann?
Gumppenberg: «Wir zahlen als Sachversicherung immer nur den tatsächlichen Wert, wenn das Bild beschädigt wird oder verloren geht. Der Verlust bei einer Fälschung ist aber ein Vermögensschaden. Den überhöhten Kaufpreis kann man nur vom Verkäufer zurückverlangen. Wenn sich in einem Schadensfall zum Beispiel herausstellt, dass ein Bild eine Fälschung ist und vielleicht statt einer Million nur 10 000 Euro wert ist, dann bekommt der Kunde den zu viel gezahlten Versicherungsbeitrag über die gesamte Laufzeit zurück.»
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