| Manifestierte Emotion - Bauzaun reif fürs Museum Von Roland Böhm, dpa |
|
|
|
| Freitag, 05. November 2010 um 06:30 Uhr | ||
Kann das Kunst sein? Was geht zu weit? Ist der Bauzaun für das Milliardenprojekt Stuttgart 21 Kult oder Schrott? Egal - für Historiker ist die Wand aus Plakaten, Protestbriefen und Transparenten längst ein historisches Objekt und reif fürs Museum.
Stuttgart (dpa/lsw) - «Jeder Mensch ist ein Künstler», soll Joseph Beuys stets betont haben. Er wäre vermutlich begeistert von einem Spaziergang entlang des Bauzauns am Stuttgarter Hauptbahnhof. Mannigfach haben die Gegner des Bahnprojekts Stuttgart 21 ihren Protest manifestiert - mit Plakaten, Collagen und Objekten. Manches ist schon arg vom Regen ausgewaschen. Zu wie viel Ironie und Kreativität «jeder Mensch» in der Lage sein kann, ist da zu sehen. Manches wird aber auch zum Ärgernis, schießt über das Ziel hinaus. Was ist künstlerische Freiheit? Was Protestkultur? Was billige Beleidigung?
Von «manifestierter Emotion» spricht der Kunsthistoriker Ulrich Weitz, der regelmäßig Kunstführungen am Bauzaun veranstaltet. Gerne bezeichnet er die sich täglich verändernde Wand auch als «einzigartiges kulturhistorisches Dokument». Und die Stuttgarter Museen stehen schon Schlange: Sowohl das Haus der Geschichte Baden-Württemberg als auch das Stadtmuseum wollen sich ein Stück vom Bauzaun sichern. Schon jetzt stehe fest, dass Stuttgart 21 «das Land über Jahre nachhaltig prägen und vielleicht sogar dauerhaft verändern wird», sagt der Leiter des Hauses der Geschichte, Thomas Schnabel.
Inzwischen ist auch der zweite Bauzaun im Schlossgarten vielfältig dekoriert, das Original bleibt aber der Zaun am Nordflügel. Voller Leidenschaft erklärt Weitz bei seinen Führungen die kunsthistorischen Hintergründe: Warum taucht Edvard Munchs «Der Schrei» als Protestaufruf auf? Oder warum ist Bahn-Chef Rüdiger Grube als Sonnenkönig dargestellt? Wenn die Bahn jetzt Bilder mit Grube- Konterfei entferne, weil er sich beleidigt fühle, «zeigt er tatsächlich Züge des uneingeschränkten Herrschers», sagt Weitz.
Die Bahn hingegen betont auf Anfrage, es seien keine Bilder abgehängt worden, auch wenn diverse Personen auf vielfache Weise beleidigt und diffamiert würden. Auch Ministerpräsident Stefan Mappus (CDU) wird provoziert: «Wenn Herr Mappus unter die Erde will, dann bringen wir ihn doch hin», soll über dem Foto einer düsteren Leichenhalle gestanden haben, das Weitz aber nie am Zaun sah. Auf einer anderen Collage sitzt Mappus in einer Zigarettenschachtel mit dem Warnaufdruck «Mappus fügt Ihnen und den Menschen in Ihrer Umgebung erheblichen Schaden zu». Die Urheber suchten Schutz in der Anonymität des Bauzauns, sagt Weitz.
Ob der Bauzaun für die Museen freigegeben wird, müsse mit der Baufirma abgestimmt werden. Eine Entscheidung sei noch nicht gefallen, sagt ein Sprecher des Kommunikationsbüros Stuttgart 21.
Weitz liebt den Bauzaun - trotz der Dinge, die über das Ziel hinausschießen: «Wir müssen uns ja auch immer wieder fragen: Woher kommt diese Wut?» Trotzdem drohe mit jedem weiteren unflätigen Stück der «Charme des Zauns» verloren zu gehen. Lieber sind ihm die inzwischen welken Blumen, die bunten Plakate, Fähnchen, Puppen, Teddybären, die kleinen Kunstwerke. «Soziale Skulpturen» würde Beuys sie nennen.
Und Weitz pflegt den Bauzaun: Einem Befürworter des Bauprojekts, den er dabei beobachtete, als er das Plakat für eine Pro-Demo an den Zaun hängen wollte, sagte er, dass der Zaun keine Litfaßsäule sei. Gemeinsam drehten sie das Plakat an, und der Befürworter schrieb «Veränderungen müssen sein, auch wenn sie schmerzhaft sind» drauf. So fand das Plakat einen Platz. Jetzt sei das Ding reif fürs Museum, meint Weitz. Am besten rasch, bevor der Herbstregen die zum Teil liebevoll gemalte Plakate oder die einfachen, in Klarsichthüllen gesteckten Protestblätter weiter auswäscht. «Fast schon zu perfekt» sind ihm die zahlreichen laminierten Blätter, die inzwischen den Bauzaun zieren.
Aktuelle Bilder von der Schlichtungsrunde um Heiner Geißler hängen dort - genauso wie längst vergangenen Hoffnungen: «Hoffnung Leipzig = Gorbi. Hoffnung Stuttgart = Angie», steht da noch. Inzwischen ist die Meinung von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) klar - sie stützt den Umbau des Stuttgarter Kopfbahnhofs in eine unterirdische Durchgangsstation und deren Anbindung an die geplante ICE- Neubaustrecke nach Ulm.
|
























































