| Nachts im Museum - und allein unter Rentieren Von Caroline Bock, dpa |
|
|
|
| Montag, 08. November 2010 um 06:33 Uhr | ||
Nachts im Museum: Das erinnert an Ben Stiller in der gleichnamigen US-Komödie. In einem Berliner Museum kann man in einer Kunstausstellung schlafen - inmitten von zwölf lebendigen Rentieren. Eine surreale Erfahrung.
Berlin (dpa) - Unten knabbert ein Rentier am Birkenstamm. Die Kanarienvögel trällern so laut, als wären sie in ihren Volieren an einen Verstärker angeschlossen. Es riecht nach Holzhandlung und sauberem Stall. Kühlschränke surren. 0.11 Uhr. Gerade hat Marcus Knobloch, der Gästebetreuer, das Licht ausgemacht. Probeschlafen in der großen Halle im Hamburger Bahnhof, dem Berliner Museum für Gegenwartskunst.
In einer Installation des Künstlers Carsten Höller kann man für 1000 Euro übernachten. Ein oder zwei Gäste haben dann die Ausstellung für sich allein und dürfen durch das geschlossene Museum streifen. Fast alle 80 Nächte sind schon verkauft, einige werden gratis verlost.
Beim Einchecken gibt es eine Taschenlampe und ein Walkie-Talkie für den Kontakt mit dem Gästebetreuer. «Es ist darauf zu achten, die Tiere nicht unnötig zu erschrecken», steht in der Hausordnung. «Lautes Telefonieren oder Musik hören ist nicht gestattet.» Wer würde in dieser Szenerie, die Alice im Wunderland entsprungen scheint, auch darauf kommen?
Ein Steg führt durch ein Tiergehege zu dem runden Doppelbett in vier Metern Höhe. Unten tummeln sich 12 Rentiere, 24 Kanarienvögel, 8 Mäuse und 2 sehr träge Fliegen. Hinten im Gehege steht eine meterhohe Skulptur aus nachgebauten Fliegenpilzen. Die echten liegen in verriegelten Kühlschränken neben den Mäusekäfigen und den Kästen für die Fliegen. Die Mäuse haben sich verkrümelt.
Die Gäste dürfen machen, was sie wollen, so lange sie sich an die Hausordnung halten, die Tiere und die Kunst respektieren. Das Bett ist nicht überwacht. Morgens kommen die Putzkolonnen und die Tierpfleger. Die schwedischen Rentiere wurden in der brandenburgischen Uckermark aufgezogen und sind offensichtlich an Menschen gewöhnt. Frühstück wird den Übernachtungsgästen auf der Besuchertribüne serviert. Das Museum hat für die Aktion extra ein Badezimmer eingebaut.
Höller, der mit seinen Werken bereits bei der Documenta in Kassel und der Biennale in Venedig vertreten war, hat eine Anspielung auf ein wissenschaftliches Experiment entworfen. Die Ausstellung «Soma» ist nur in Berlin zu sehen. Sie ist nach einem uralten Wundertrank benannt, der Erkenntnis, Glück und Siegeskraft versprach und möglicherweise aus Fliegenpilzen stammte. Höller, habilitierter Agrarwissenschaftler, stellt die These auf, dass es sich um Urin von Rentieren handelt, die die Pilze gefressen haben.
Die Fantasie soll angeregt werden. Was wäre, wenn die Vögel und die Fliegen den Rentierurin trinken würden, wären sie dann berauscht? Höller hat früher selbst mal Fliegenpilze getestet, wovon er dringend abrät: «Es ist eine ganz schreckliche Erfahrung.» Seine Installation ist in zwei Felder eingeteilt, wie bei einem Doppelblindversuch. Der Sinn ist offen. Die Auswertung liegt beim Betrachter. Kinder dürfen sich auch einfach nur über die Rentiere freuen.
Beim nächtlichen Probeliegen oben in der alten Bahnhofshalle kreisen die Gedanken. Werde ich Teil eines Experiments? Wie wohl Fliegenpilz wirkt? Und warum schlafen die Rentiere alle in einer Ecke? Stammt das knackende Geräusch von ihren Hufen oder ihren Gelenken? Der Schlaf kommt ähnlich wie im Nachtzug oder in einem Hotelbett nach einem langen Flug. Der Körper ist verwirrt, aber es ist nicht unangenehm. Der Handywecker piepst. Wo bin ich hier? Wie die anderen Räume des Museums nachts wohl aussehen?
1.30 Uhr. Marcus Knobloch legt an der Garderobe seinen Heinrich- Mann-Roman beiseite und schließt den Kleihues-Raum auf. Vorher sagt er den Sicherheitsleuten Bescheid. Die Werke von Andy Warhol, Robert Rauschenberg und Anselm Kiefer sehen im Kegel der Taschenlampe aus wie bei einem Einbrecher. Der hätte hier keine Chance, wie Knobloch versichert. Bei Streifzügen durch die Sammlung ist er diskret dabei. Sicher ist sicher. Bis Februar hat der Gästebetreuer Nachtschicht. Wie es klingt, wenn die Rentiere mit dem Geweih an den Futtertrog schlagen, weiß er schon jetzt.
|
























































