| Kultur zwischen «Spartsunami» und Milliardenetats Von Esteban Engel, dpa |
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| Mittwoch, 10. November 2010 um 07:56 Uhr | ||
In Deutschland macht der Spardruck auch nicht vor Heimatmuseen und Bibliotheken, Orchestern und Theatern halt. Immer stärker wird Kultur zur Verfügungsmasse für Stadtkämmerer und Finanzpolitiker.
Berlin (dpa) - Von einem Tsunami ist die Rede, von Kahlschlag und Aushungern: Wenn in Deutschland über das Sparen bei der Kultur die Rede ist, fallen meistens starke Worte. Klagen auf hohem Niveau, sagen die einen, Niedergang einer Jahrhunderte alten Tradition die anderen. Auf den ersten Blick scheint ja Geld da zu sein: Ob für den geplanten Wiederaufbau des Berliner Schlosses mit mehr als einer halben Milliarde Euro oder für die sündhaft teure Elbphilharmonie in Hamburg - die Leuchttürme im Land der Dichter und Denker blinken ziemlich stark. Rund acht Milliarden Euro geben Bund, Länder und Gemeinden für Kultur aus, knapp 100 Millionen mehr als die Kulturnation Frankreich.
Die Lichter gehen in Deutschland anderswo aus: Kleine Museen müssen darben, Provinztheater werden geschlossen, Stadtbüchereien einkassiert - zum Beispiel in Halle. Dort steht das Thalia Theater zur Disposition. Die Bühne, die sich mit Stücken für Kinder und Jugendliche bundesweit einen hervorragenden Ruf erworben hat, soll der Finanzräson geopfert werden. «Sparzwänge», sagt Oberbürgermeisterin Dagmar Szabados. Halle teilt das Schicksal hunderter deutscher Kommunen: Die Stadt ist hoch verschuldet. Allein durch den Einwohnerverlust kommen hier jährlich 30 Millionen Euro weniger in die Kasse.
Oder Paderborn. Dort soll das Museum in der Kaiserpfalz zumachen. Die mittelalterliche Anlage Karls des Großen aus dem 8. Jahrhundert ist Zeugnis der Weltgeschichte. Zwar steuert der zuständige Landschaftsverband Westfalen-Lippe hierfür nur 225 000 Euro bei. Doch der Kommunalverbund steht vor einem Haushaltsloch von 255 Millionen. Vom Jahresetat von 2,5 Milliarden Euro werden 85 Prozent für die Sozial- und Behindertenhilfe ausgegeben, für Kultur sind es 60 Millionen.
Tatsächlich hat Deutschland eine weltweit wohl einmalige Kulturlandschaft, etwa bei den Orchestern. Rund ein Viertel aller 560 professionellen Orchester weltweit ist in der Bundesrepublik beheimatet. Die 133 ständigen Theater-, Konzert-, Rundfunk- und Kammerorchester sowie sieben Rundfunkchöre und vier Rundfunk-Big- Bands werden öffentlich finanziert. Seit 1992 wurden in Deutschland 35 Orchester aufgelöst. Die Deutsche Orchestervereinigung will die Klangkörper unter den Schutz der UN-Kulturorganisation Unesco stellen lassen.
Doch weil in den Kommunen die Kulturausgaben zu den freiwilligen Leistungen gehören, werden in diesem Bereich auch zuerst die Rotstifte gezückt. Danach kommen höhere Eintrittspreise. Die Kommunen tragen in der föderalen Bundesrepublik den Löwenanteil der Lasten. Steigende Sozialausgaben und rückläufige Steuereinnahmen treiben die Städte in die Zahlungsunfähigkeit.
Die Lage erscheint dramatisch, sagt Olaf Zimmermann. Der Geschäftsführer des Deutschen Kulturrates sieht trotz der nun erwarteten Steuermehreinnahmen die Kommunen noch lange nicht aus dem Schneider. Insbesondere die drastischen Gewerbesteuerausfälle bedrohen die städtischen Haushalte. Die Förderung der Kommunen mit in diesem Jahr 3,6 Milliarden Euro und der Länder mit 3,3 Milliarden Euro schrumpft weiter.
Dagegen hat der Bund den Etat von Kulturstaatsminister Bernd Neumann (CDU) in diesem Jahr auf 1,2 Milliarden Euro erhöht. Ob für die Stiftung Preußischer Kulturbesitz, die Deutsche Nationalbibliothek oder für Berlins Rundfunk-Orchester und Chöre GmbH - immer öfter springt der Bund als Lückenbüßer ein.
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