| Chemnitzer Kunstsammlerin bekommt «Heiße Kartoffel» Von Tino Moritz, dpa |
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| Freitag, 19. November 2010 um 07:01 Uhr | ||
Ingrid Mössinger bekommt Preise in Serie. Diesmal ist die «Heiße Kartoffel» an der Reihe. Danach dürfte langsam Schluss sein: Viele Auszeichnungen sind nicht mehr zu vergeben. Zudem spricht einiges für einen baldigen Abschied der anerkannten Museumschefin aus Chemnitz.
Chemnitz (dpa) - Mit den Preisen nimmt es langsam fast ein bisschen überhand. Im Februar hat Ingrid Mössinger das dänische Ritterkreuz des Dannebrogordens erhalten, im Mai die Sächsische Verfassungsmedaille. Den Verdienstorden der Bundesrepublik bekam die Museumschefin schon 2007, noch ein Jahr früher war sie zum Ritter der französischen Ehrenlegion ernannt worden. Gerade einmal einen Monat ist es her, dass die von ihr seit 14 Jahren geführten Chemnitzer Kunstsammlungen von deutschen Kritikern zum «Museum des Jahres 2010» gekürt wurden. Und schon wird der gebürtigen Schwäbin die nächste Ehre zuteil: In Leipzig erhält sie am Freitag die «Heiße Kartoffel» des Mitteldeutschen Presseclubs.
Auf einem Festakt mit etwa 300 Gästen wird sie erst eine eigens kreierte Skulptur in Empfang nehmen und dann eine Dankesrede halten dürfen. Die undotierte Auszeichnung wird von früheren Preisträgern und Vertretern aus Wirtschaft und Medienbranche an Persönlichkeiten vergeben, die sich in besonderem Maße für die Region Mitteldeutschland eingesetzt haben und dabei auch Schwierigkeiten nicht aus dem Weg gegangen sind, wie es heißt. Kurt Masur zählte zu den Ausgezeichneten der vergangenen Jahre, genauso wie der Musiker Ludwig Güttler oder die Ex-Politiker Hans-Dietrich Genscher oder Kurt Biedenkopf.
Zweifellos ist auch Ingrid Mössinger Problemen nicht aus dem Weg gegangen, wobei das vermeintlich größte wohl gar keines war: Chemnitz. «An jedem Ort ist es möglich, Höchstqualität zu zeigen», findet Mössinger - und betont, dass Chemnitz ja schon vor ihrer Ankunft 1996 über einen umfangreichen Sammlungsbestand verfügt hat. Tatsächlich hat sie durch ihre internationalen Kontakte und fein gesponnenen Netzwerke viele Schätze hinzufügen können, etwa die von Mäzenen wie Harald Loebermann, Hartmut Koch oder Alfred Gunzenhauser.
Mössinger hatte vorher in Sydney gearbeitet und später die Art Frankfurt geleitet, eine inzwischen verblichene Messe für moderne Kunst. Zu ihrem Lebenswerk wurde indes erst ihr Wirken im oftmals als Industriestadt verkannten Chemnitz: Mössinger holte die weltweit erste Ausstellung von Aquarellen der Sängerlegende Bob Dylan, zeigte «Picasso und die Frauen», «Edvard Munch in Chemnitz» und «Ernst Ludwig Kirchners Deutschlandreise» - und sorgte schließlich durch die Verdopplung der Ausstellungsfläche im Museumsbau am Theaterplatz in diesem Sommer auch für dauerhaft mehr Präsentationsmöglichkeiten.
Für die allein fast 2500 Werke umfassende Gunzenhauser-Sammlung wurde bis Ende 2007 ein früheres Sparkassengebäude aufwendig umgebaut. Die neue Heimstatt lockte nicht nur Kunstkenner aus In- und Ausland an, sondern rief auch Sachsens Landesrechnungsprüfer auf den Plan. Sie machten erst in diesen Tagen vermeintliche Unregelmäßigkeiten bei der Millionenförderung des Projekts öffentlich. Die Stadt hat die Vorwürfe prompt zurückgewiesen.
Mössinger selbst hält die Kunstsammlungen seit Jahren für unterfinanziert. An die Adresse der Kommunalpolitik, die seit Monaten über Kürzungen auch bei Mössingers Museen debattiert, geht ihre Warnung, dass man Aufgebautes auch wieder einreißen könne. Kein Hehl macht sie auch daraus, dass sie das gängige Bewertungsschema ablehnt, wann ein Museum angeblich erfolgreich ist. «Das einzige, was zählt, sind die Publikumszahlen», kritisiert Mössinger, die bewusst auf die Preisgabe von Besucherstatistiken verzichtet.
Sie hat immer auch Wert auf zeitgenössische Kunst gelegt, wie etwa die derzeit laufende «ars viva»-Preisträgerausstellung belegt. Mut beweist Mössinger auch mit der Retrospektive des hierzulande im Unterschied zu seinem Neffen Oswalt eher unbekannten Malers Helmut Kolle (1899-1931). Diese Ausstellung wird im Gunzenhauser gezeigt, wo Thomas Bauer-Friedrich seit 2007 Kurator ist.
In der örtlichen Presse wird der einstige Volontär der Kunstsammlungen bereits als möglicher Nachfolger von Mössinger gehandelt, deren Vertrag nach dem gegenwärtigen Stand im nächsten Jahr ausläuft. Bauer-Friedrich ist 34 Jahre jung. Mössinger hat die für sie bei 65 liegende Altersgrenze im öffentlichen Dienst schon vor Jahren überschritten. Wann genau? Auch darum macht die am liebsten im Verborgenen arbeitende Kunst-Netzwerkerin ein kleines Geheimnis.
www.kunstsammlungen-chemnitz.de
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