| Dachlatten, Turnschuhe und eine Atomfabrik Von Isabell Scheuplein, dpa |
|
|
|
| Samstag, 16. Oktober 2010 um 10:14 Uhr | ||
Es ist 25 Jahre her: Kurze Zeit nach ihrer Gründung gelangten die Grünen 1985 in Hessen schon an die Regierung. Doch 14 Monate später zerbrach die bundesweit erste rot-grüne Koalition bereits wieder - am Streit über eine Atomfabrik.
Wiesbaden (dpa) - Die Turnschuhe haben es später ins Haus der Geschichte nach Bonn geschafft, Joschka Fischer als Außenminister nach Berlin. In ungewöhnlichem Outfit legte der Grünen-Politiker vor fast 25 Jahren im Wiesbadener Landtag seinen Amtseid ab und wurde der erste Minister seiner Partei bundesweit. Die dazu gehörende rot-grüne Koalition war am 16. Oktober 1985 nach zähen Verhandlungen vereinbart worden. SPD-Ministerpräsident Holger Börner beendete damit eine mehrjährige Übergangsphase, in der er teils nur mit wechselnden Mehrheiten regieren konnte.
Die Regierungsbeteiligung der erst 1980 gegründeten Grünen war umstritten. Ministerpräsident Börner selbst war zuvor nicht gerade als Sympathisant aufgefallen. Berühmt wurde die Aussage des ehemaligen Betonfacharbeiters, der einst beim Anblick gewalttätiger Gegner der Startbahn West laut an den Einsatz «der Dachlatte» dachte. Die Grünen, Sammelbecken für Alternative, Umweltbewegte und Straßenkämpfer, galten damals vielen als nicht hoffähig - die noch in ihren Kinderschuhen steckende Organisation war auch noch weit entfernt von der heutigen Partei, die derzeit einen Höhenflug erlebt und in Umfragen teilweise sogar die SPD überflügelt.
Auch der Grünen-Landesverband und die Fraktion im hessischen Landtag taten sich schwer. Der damalige Fraktionschef Jochen Vielhauer berichtet von teils heftigen Diskussionen. Die Partei habe sich aber langsam auf die Regierungsverantwortung zubewegt, indem sie zunächst die SPD-Minderheitsregierung unter Führung Börners tolerierte. Zu der Zeit sei der Druck von außen gestiegen, auch politische Macht auszuüben, sagt der 63-jährige Vielhauer im dpa- Gespräch.
Erst 1982 waren die Grünen erstmals in den Landtag eingezogen und hatten die Ordnung des Hauses durcheinander gewirbelt, wie sich Vielhauer erinnert: Täglich in Schlips und Anzug zu erscheinen wie damals üblich - für die Grünen-Abgeordneten sei das nicht in Frage gekommen. Das Etikett «Turnschuh-Fraktion» hätten Sie damit schnell weggehabt. Der spätere Bundesaußenminister Fischer habe dies nach ausführlicher Diskussion mit seinen Parteifreunden aufgegriffen und sich am Tag der Vereidigung, dem 12. Dezember, für Turnschuhe und Sakko entschieden.
Bereits rund 14 Monate später, am 9. Februar 1987, zerbrach die Koalition im Streit über die Hanauer Nuklearbetriebe. Börner entließ Fischer und trat anschließend selbst zurück. Fischer räumte Jahre später in einem Interview ein, es sei ein Fehler gewesen, der SPD mit dem Ende der Koalition zu drohen, wenn sie in der Hanau-Frage nicht nachgebe. Die Grünen waren mit dem Ziel angetreten, alle hessischen Atomanlagen abzuschalten. Doch die SPD wollte der Plutoniumfabrik die Verarbeitung von 460 Kilogramm spaltbaren Materials erlauben.
Die folgenden Landtagswahlen brachten eine schwarz-gelbe Mehrheit, erstmals wurde mit Walter Wallmann ein CDU-Politiker hessischer Ministerpräsident. Dennoch spricht Vielhauer von einem Erfolg für seine Partei. Es sei klar geworden, dass grüne Politik auch regierungsfähig sei, sagt der frühere Fraktionschef, der heute eine IT-Firma leitet: «Für die Wähler waren die Grünen mit einem Mal eine akzeptable Partei und nicht mehr nur die Chaoten, für die wir ab und zu hingestellt wurden.»
Nach dem Ende der ersten rot-grünen Koalition hätten sowohl die Grünen als auch die SPD auf eine Neuauflage hingearbeitet, sagt Vielhauer. 1991 war es dann soweit: Rot-Grün gewann die Landtagswahl und regierte unter der Führung von Hans Eichel acht weitere Jahre in Hessen.
Tags: gr
|
























































