| Wie der Expressionismus nach Amerika kam Von Friedemann Kohler, dpa |
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| Freitag, 29. Oktober 2010 um 07:08 Uhr | ||
Die Werke der Künstlervereinigung «Der Blaue Reiter», einst verstörend neu, sind heute klassische Moderne. In Wiesbaden zeigt eine umfassende Ausstellung erstmals, wie der Expressionismus bis in die USA wirkte.
Wiesbaden (dpa) - Ein stiller Dialog steht am Anfang der neuen Wiesbadener Expressionisten-Ausstellung: Die Bildserie «Meditationen» von Alexej von Jawlensky, geschaffen 1936, begegnet der Grafikserie «Cantos» des US-amerikanischen Künstlers Barnett Newman von 1963. Dazwischen liegen fast 30 Jahre, in denen der Expressionismus als eine Bewegung der europäischen Avantgarde den Sprung über den Atlantik schaffte und dort in einem neuen Stil aufging.
«Das Geistige in der Kunst. Vom Blauen Reiter zum Abstrakten Expressionismus» lautet der Titel der großangelegten Ausstellung, die in Wiesbaden vom 31. Oktober bis 27. Februar 2011 läuft. Gezeigt werden mehr als 250 Werke von Franz Marc, Wassili Kandinsky, Gabriele Münter und Lionel Feininger bis zu Newman, Mark Rothko oder Robert Motherwell. Die Schau ist ein wichtiger Baustein in der Reihe «Phänomen Expressionismus», mit dem der Kulturfonds Frankfurt RheinMain die kulturelle Bedeutung der Region unterstreichen will.
Ausführlich dokumentiert die Ausstellung die Anfänge des Expressionismus mit der Künstlergruppe Blauer Reiter. Die Bilder aus München und dem oberbayerischen Murnau, Gemälde wie «Stute und Fohlen» von Marc sind heute klassische Moderne. Doch vor dem Ersten Weltkrieg war diese Kunst neu und verstörte das Publikum. Die neuen Künstler gingen radikal ans Werk: Es ging ihnen nicht mehr um den dargestellten Gegenstand, sondern um Ausdruck (daher: Expressionismus), um die Eigengewichtigkeit von Form und Farbe.
Weil bedeutende Expressionisten-Sammlungen wie die des Lenbach- Hauses und der Werefkin-Stiftung derzeit im Ausland touren, musste Kurator Volker Rattemeyer Detektivarbeit leisten. Für viele Positionen und Entwicklungen fand er Werke in Privatsammlungen. «Wir mussten uns anstrengen», sagte der ehemalige Direktor des Wiesbadener Museums. Der Wert der Ausstellung in der hessischen Landeshauptstadt liegt auch darin, dass zwei Fünftel der Werke noch nie öffentlich zu sehen waren.
Kandinsky und andere Künstler versuchten, mit der Malerei auch andere Sinneswahrnehmungen zu beschwören, zum Beispiel die «Farbe des Klangs». Der US-Amerikaner Adolph Gottlieb betitelte sein dunkles Bild mit tanzenden Winkeln 1948 «Sounds at night» (Geräusche in der Nacht).
Wiesbaden ist eine Station beim Sprung des Expressionismus über den Atlantik, weil von Jawlensky hier ab 1921 bis zu seinem Tod 1941 lebte. Mit Feininger, Kandinsky und Paul Klee bildete er die 1924 gegründete Gruppe Blaue Vier. Die Galeristin Galka Scheyer machte ihr Schaffen schon vor dem Zweiten Weltkrieg in den USA bekannt. Die Nazis verfemten diese Kunst als entartet, Feininger ging ins Exil in die USA.
Amerikanische Künstler jener Zeit schulten sich an der Radikalität der europäischen Kollegen, an ihren Farb- und Formexperimenten, am Arbeiten in Serien. Ihr eigener Weg führte Rothko, Newman, Motherwell oder Morris Louis zu großformatigen abstrakten Kompositionen, die erneut verstörend auf das Publikum wirkten. Mit ihren Meisterwerken des Abstrakten Expressionismus endet die sehenswerte Wiesbadener Ausstellung.
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