| Theateraktionskunst entlarvt Inszenierungen des Alltags Von Christian Jung, dpa |
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| Sonntag, 12. September 2010 um 08:20 Uhr | ||
Im Heidelberger Kunstverein stellt «Rimini Protokoll» Projekte aus den vergangenen zehn Jahren vor. Nächstes Projekt könnte eine sentimentale Nachrichtensendung sein.
Heidelberg (dpa) - «Der menschliche Alltag gleicht immer mehr einer Schauspielinszenierung.» Zu diesem Schluss kamen vor knapp zehn Jahren sinngemäß die studierten Theaterwissenschaftler Helgard Haug, Stefan Kaegi und Daniel Wetzel und wagten unter dem Label «Rimini Protokoll» eine Neuausrichtung des modernen Theaters.
Vor allem durch Laienschauspieler aus allen sozialen Schichten ließen sie Realität und Theater miteinander verschmelzen und provozierten mit außergewöhnlichen und innovativen Projekten. So ließen sie 2009 auf dem Höhepunkt der weltweiten Finanz- und Wirtschaftskrise im Schauspielhaus in Zürich 8000 Heuschrecken in einem Terrarium als Gegenentwurf zur menschlichen Parallelwelt vor sich hinvegetieren. Die Zuschauer konnten in Anspielung auf Manager von Hedgefonds den Insekten bei ihrer «Arbeit» zusehen und «den gefährlichen Kreaturen» direkt in die Augen blicken.
Im Heidelberger Kunstverein ist seit Freitag nun zum ersten Mal eine Ausstellung über das Schaffen der international mehrfach ausgezeichneten Künstlergruppe zu sehen. Unter großem Besucherandrang wurden in der extra umgebauten Ausstellungshalle zahlreiche bis zu 60 Minuten lange Installations- und Flashmob-Videos vergangener Projekte gezeigt, die noch bis zum 21. November zu sehen sind und ebenso Inszenierungen der Globalisierung aufgreifen.
Über eine blaue Box können die Besucher mit Mitarbeitern eines indischen Call-Center über Video-Chat in Verbindung treten, die eine einstudierte Geschichte erzählen und per Knopfdruck in Kalkutta zum Beispiel den Teekocher der Box zum Start bringen können, damit durch gemeinsames Teetrinken über die Kontinente hinweg das Kunsterlebnis kuscheliger wird. Die indischen Call-Agents verkaufen sonst Software nach Australien. Im Mittelpunkt der sehenswerten Schau unter dem eher irreführenden Titel «Drei Fliegen mit einer Klappe» stehen Dutzende von ausrangierten Stühlen des Theater Heidelberg, das zurzeit umgebaut und saniert wird.
Diese bilden auch in Form von Schaukelstühlen eine Verbindung zu zukünftigen 80 Aktionen, die auf einer riesigen Leinwand im Brainstorming-Format vor, die das Trio in Zukunft als Neudimensionierung von Theater angehen könnte. So gibt es die Idee, eine Nachrichtensendung zu produzieren, bei denen die Sprecher bei besonders fürchterlichen Berichten anfangen zu weinen und das Gezeigte emotional kommentieren. Ein weiteres Projekt wäre der Besuch eines Kaufhauses: Beim Einscannen des Strichcodes wird eine öffentliche Ansage mit einer Beschreibung des Einkaufs und der Angabe des entsprechenden Preises ausgelöst. Alles applaudiert. Unmittelbar danach gehen die Verkäufer und Kunden wieder ihren gewöhnlichen Beschäftigungen nach.
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