| 100 Jahre Künstlerhaus - Jugendkultur und Massenverhaftung Von Kathrin Zeilmann, dpa |
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| Freitag, 24. September 2010 um 06:25 Uhr | ||
Vor 100 Jahren wurde das Nürnberger Künstlerhaus errichtet. Doch der reinen Kunst diente es nur wenige Jahre. Es wurde eine Stätte der subversiven Jugendkultur, an der sich Justiz und Polizei abarbeiteten.
Nürnberg (dpa/lby) - März 1981 in Nürnberg: 141 junge Frauen und Männer werden festgenommen. Die Massenverhaftung im Jugendzentrum «Komm» macht bundesweit Schlagzeilen. Es hatte zuvor eine Demonstration mit Sachbeschädigungen gegeben, Polizei und Justiz wollten energisch durchgreifen. Später wird bekannt, dass viele der Verhafteten gar nicht an der Demo beteiligt waren, sondern nur im «Komm» waren, um Kicker zu spielen oder einen Töpferkurs zu besuchen. Die äußerst umstrittene Massenverhaftung ist eines der bedeutendsten Kapitel in der wechselvollen Geschichte des Nürnberger Künstlerhauses, das an diesem Wochenende sein 100-jähriges Bestehen feiert.
Ausstellungsraum, Wehrmachtsheim, US-amerikanischer Soldatenclub, Pädagogische Hochschule und Jugendzentrum - das Gebäude am Rande der Nürnberger Altstadt diente nur wenigen Jahre der reinen Kunst, sondern beherbergte viele Einrichtungen und war Kulisse für etliche Konflikte. «Es gab Auseinandersetzungen und heftige politische Debatten. Dieses Haus hat viele Facetten», sagt Matthias Strobel, Direktor des Nürnberger KunstKulturQuartiers, zu dem das Künstlerhaus offiziell gehört.
Heute bietet es den unterschiedlichsten kulturellen Betätigungsfeldern Platz: Fans des anspruchsvollen Programmkinos kommen ebenso gerne hierher wie künstlerisch ambitionierte Jugendliche, die dann einen Siebdruckkurs besuchen. Senioren treffen sich zur Chorprobe, gestresste Geschäftsleute suchen Erholung beim Werkeln in der hauseigenen Schreinerei oder in der Malwerkstatt.
Und natürlich: Mit Konzerten, Vorträgen, Lesungen, Ausstellungen und Theater hat auch das klassische Kulturprogramm seinen Platz in dem 100 Jahre alten Gebäude, das von den Bomben des Zweiten Weltkriegs weitgehend verschont worden ist. 1910 war es für die Künstler der Stadt für Ausstellungen und Zusammenkünfte errichtet worden.
Im Zweiten Weltkrieg war dann kein Platz mehr für Kunst in den Räumlichkeiten, man brauchte sie, um Soldaten auf Fronturlaub dort zu betreuen. Später zog dann die US-Armee ein und unterhielt zur Zerstreuung der Soldaten bis 1955 einen Club.
Nachdem auch die Pädagogische Hochschule einige Zeit das Haus genutzt hatte, war eigentlich für 1969 der Abriss geplant - doch die Bürger und Denkmalschützer protestierten erfolgreich dagegen. Aber was dann? Es waren die jungen Menschen, die das Gebäude für sich beanspruchten, die es zu einem Ort des Experimentierens und der Selbstverwirklichung machten. 1974 entstand hier das selbstverwaltete Kommunikationszentrum «Komm». Soziokultur lautete das Stichwort, das Haus war «Aktions- und Spielfläche», wie es Nürnbergs Kulturreferentin Prof. Julia Lehner anlässlich des Jubiläums nun formuliert hat. Und es war umstritten: Das «Komm» bot Jugendlichen zwar die Chance, sich kreativ auszuprobieren, sich ungezwungen zu treffen. Aber es wurde eben auch kritisch beäugt, weil Drogen- und Alkoholeskapaden bekanntwurden und sich radikale politische Gruppierungen dort positionierten.
Seit 1997 ist es vorbei mit der Selbstverwaltung, das Haus ist nun Teil des städtischen Kulturbetriebs und hat sich deutlich für Mainstream-Angebote geöffnet, obwohl sich nach wie vor auch private Initiativen im Künstlerhaus engagieren. Ein Schritt, der nötig geworden sei, «um auch für künftige Generationen das Haus mit Leben zu füllen», wie Lehner betont. Schließlich gehe es auch um wirtschaftliche Aspekte. Zur Geschichte des Hauses sagt Lehner: «Es war ein Lernprozess. Die Erfahrungen waren ungemein wichtig für die gesellschaftliche und kulturpolitische Entwicklung in der Stadt.»
Gefeiert wird nun am Wochenende mit Tanz, Konzerten, Diskussionen, Workshops - und durchaus kritischen Rückblicken, wie Strobel versichert: «Es soll nicht so sein wie bei der Abiturfeier, dass man sagt, wie schön doch die Zeit war. Es war nicht alles schön.»
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