| Vom «Fluch der Schokocreme» - Konzeptkünstler Gerz stellt Werk vor Von Uta Knapp, dpa |
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| Montag, 18. April 2011 um 06:29 Uhr | ||
78 Menschen haben ein Jahr praktisch umsonst im Ruhrgebiet gewohnt und ihre Gedanken aufgeschrieben. Der 3000-Seiten-Wälzer ist ein Kunstwerk des Konzeptkünstlers Jochen Gerz. Es geht um den «Fluch der Schokocreme» und einen toten Hund.
Duisburg (dpa) - Kultur als Kiloware: Mit knapp 3000 Seiten und einem Gewicht von mehr als zweitausend Gramm hat der bekannte Konzeptkünstler Jochen Gerz einen schwergewichtigen Band zum Abschluss des Kulturhauptstadt-Projekts «2-3 Straßen» vorgelegt. Die beteiligten Autoren haben für das ungewöhnliche Projekt in 16 Sprachen und drei Ruhrgebietsstädten rund 10 000 Beiträge verfasst. Keiner wusste von der Arbeit des anderen.
Selbst der 71-jährige Künstler hat das Buch noch nicht komplett gelesen: «Die besten Bücher im 20. Jahrhundert sind die gewesen, die nicht oft gelesen wurden», sagte Gerz am Mittwoch zur Vorstellung des Projekts in Duisburg. Entstanden ist das ungewöhnliche Werk bei einem einer Art sozialem Experiment mit Kreativen unter anderem aus Japan, Russland, Marokko, Schweden, Italien, der Slowakei und den Niederlanden.
78 Teilnehmer in Duisburg, Mülheim und Dortmund mussten ein Jahr lang zu Autoren werden. Im Gegenzug wurde ihnen die Nettomiete erlassen. Vorgaben gab es nicht. Gleich der erste Eintrag steht auf der Titelseite: «Wir sind zu sechst, und es ist wohl der erste Eintrag überhaupt, und wir haben der Welt Folgendes zu sagen: ...». Anschließend vermutet ein Autor namens «Christian», dass wohl etwas Großes passieren wird.
Stattdessen geht es etwa um einen «Kapitalvermehrer», der «aufgewärmte Suppe isst und im Fußballabteil über den Fluch der Schokocreme liest». Zusammenhänge zwischen den Beiträgen sucht man vergebens: Nach 2984 Seiten heißt es schlicht: «Tschüss Welt!».
«2-3 Straßen ist ein Kunstwerk», ist sich Gerz sicher. «Schreiben verändert und wer sich verändert, der verändert die Welt», so der Künstler. «Wir sind als Gesellschaft ein unbekannter Reichtum. Ein bisschen davon wollte ich heben», sagt Gerz.
Auch nach dem Ende des Projekts will etwa die Hälfte der neuen Bewohner in «ihren» Straßen wohnen bleiben. Nun winken ihnen immerhin noch 33 Prozent Mietnachlass für die Wohnungen - allerdings ohne weitere Verpflichtungen.
Dauerhaft gewonnen haben auch die Nachbarn etwa des Problemviertels Dortmunder Nordstadt, wo die Teilnehmer des Gerz-Projektes einen Shop mit selbst gebauten «Hartz IV»-Möbeln gründen wollen. Für das Viertel Duisburg-Hochfeld wurde bereits ein «kreatives Adressbuch» mit Ansprechpartnern wie der Änderungsschneiderei von Tülin Gül oder einer Gruppe für osmanische Hofmusik (Grup Payiz) herausgegeben.
Erscheinen wird das Gerz-Buch zunächst in einer Auflage von 2000 Exemplaren - zum Preis von 86 Euro im Buchhandel. Interessenten könnten allerdings auch in den Stadtbibliotheken in dem Band blättern, versprechen die Initiatoren.
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