| Stuttgart-21-Bauzaun schreibt Geschichte Von Christian Fahrenbach, dpa |
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| Freitag, 16. Dezember 2011 um 05:18 Uhr | ||
Der Wutbürger kommt ins Museum: Im Stuttgarter Haus der Geschichte beginnt am Freitag die Ausstellung des Stuttgart-21-Bauzauns. Pappfiguren, abgewählte Ministerpräsidenten und blanke Gewalt zeigen viele Facetten des erbitterten Bahnhofsstreits.
Stuttgart (dpa/lsw) - Schon die Geräuschkulisse ist für ein Museum ungewöhnlich: Zu hören sind Zuggeräusche, Bahnhofsdurchsagen und alle 80 Minuten wird schrill gelärmt. Ein waschechter «Schwabenstreich» hallt durch das Stuttgarter Haus der Geschichte Baden-Württembergs - jene Minute Lärm, mit denen die Gegner von Stuttgart 21 seit anderthalb Jahren pünktlich um 19.00 Uhr ihren Protest ausdrücken. Die Geräusche sind Teil der Sonderausstellung, die von Freitag an bis zum 1. April zu sehen ist. Unter dem Titel «Dagegen Leben? Der Bauzaun und Stuttgart 21» sind rund 80 Meter Zaun mit mehr als 2500 Exponaten aufbereitet worden.
Entlang des Bauwerks können sie noch einmal nacherlebt werden, die rund vier Monate zwischen August und November 2010 - eine Zeit, in der ein Streit um einen Bahnhof, die Stadt und beinahe ein ganzes Land in Atem hielt. Zu sehen sind erste mild-spöttische Plakate nach dem Aufstellen des Zauns genauso wie Bilder der Verletzten vom Polizeieinsatz im Schlossgarten am 30. September 2010 und die entsetzten Reaktionen darauf.
Die höhnischen Kommentare zur dann folgenden Schlichtung im Oktober und November finden genauso ihren Platz am Zaun wie Kampfansagen an die frühere schwarz-gelbe Regierung mit Blick auf die zum Zeitpunkt des Zaunabbaus noch dreieinhalb Monate entfernte Landtagswahl im März. Am 2. Dezember 2010 hatte das Haus der Geschichte Baden-Württemberg sich den Zaun gesichert und in ein Depot gebracht. Kostenpunkt für einen neuen Zaun und die Ausstellung: rund 250 000 Euro.
Kein anderer sei übrigens häufiger zu sehen als der ehemalige Ministerpräsident Stefan Mappus (CDU), erklärte Ausstellungsleiterin Paula Lutum-Lenger am Donnerstag kurz vor der Eröffnung der Schau. Danach folgten Stuttgarts Bürgermeister Wolfgang Schuster (CDU) und Bahnchef Rüdiger Grube. Doch auch prominente Protest-Ikonen sind auf den Bildern und Plakaten abgebildet, darunter Gandhi, Jimi Hendrix und Joseph Beuys. Sie hängen zwischen gehäkelten Herzen, leeren Flaschen und beinahe lebensgroßen Papp-Figuren.
Bunt und fantasiereich sind also viele Beiträge - Doch hat so etwas bereits einen Platz im Museum verdient? Sicher, findet Lutum-Lenger. «Das hier ist Geschichte, die noch qualmt», erklärt sie ihre Faszination für die Ausstellungsstücke. «Das ist ein originales, authentisches Objekt, da geht uns Museumsmenschen das Herz auf», sagt Lutum-Lenger.
Lutum-Lenger und ihr Museumsleiter Thomas Schnabel hoffen, dass die Exponate auch noch in zehn Jahren die Stimmung des letzten Jahres hervorrufen können. Und Schnabel hat noch ein weiteres Ziel: Er wünscht sich, dass auch in der Ausstellung beide Lager noch einmal über ihre Positionen nachdenken und die teils verbitterte Stimmung im Streit um den Bahnhof reflektieren. «Das kann Geschichte auch leisten», sagt Schnabel, «relativieren, diese Absolutheit aufbrechen».
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