| Kunstfälscherskandale: Museumschef bemängelt fehlende Kennerschaft Gespräch: Dorothea Hülsmeier, dpa |
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| Donnerstag, 22. Dezember 2011 um 05:12 Uhr | ||
Die Kunstfälscherskandale um die erfundene Sammlung Jägers und jüngst um falsche Werke von Pollock und Rothko rütteln den Markt gehörig auf. Warum gelangen immer wieder dreiste Fälschungen auf den Markt? Museumschef Raimund Stecker hat eine Antwort darauf.
Duisburg (dpa) - Fälscherskandale erschüttern die Kunstszene in Deutschland und den USA. Dass immer wieder Fälschungen in den Markt geschleust werden können, liegt auch daran, dass Kunst zur Ware wird und es zu wenige richtige Kenner gibt. Das meint zumindest der Kunsthistoriker und Direktor des Duisburger Lehmbruck Museums, Raimund Stecker. Auch in seinem Haus war ein Werk des Kunstfälschers Wolfgang Beltracchi aufgetaucht - das Bild war Teil einer Ausstellung der spanischen Telefongesellschaft Telefónica. Stecker war aber früh genug gewarnt worden.
Erst der Skandal um die erfundene Sammlung Jägers, dann eine millionenschwere Affäre um Fälschungen von Kunststars wie Pollock und Rothko in New York - was läuft falsch auf dem Kunstmarkt?
Stecker: «Es gibt zu wenige Kenner mehr in der Sammlerschaft, und es gibt zu wenige Bilder, um den Investitionsnachfragen nachzukommen. Vor 100 Jahren hatten Sammler, die Bilder kauften, eine Sprache dafür und eine Kultur, damit umzugehen. Heute kauft man Labels, heißen sie nun Kiefer, Pollock oder Gerhard Richter. Es gibt gar keine Titel mehr für die Bilder. (...) In dem Augenblick, wo man Kunst kauft und sie im Freilager in Genf oder Zürich hat oder in Depots versteckt, steht ja Kunstgenuss nicht mehr im Mittelpunkt.»
Sind die Sammler also selber schuld, dass sie übers Ohr gehauen werden?
Stecker: «Das würde ich nicht so sagen. Aber es gehören immer zwei dazu: diejenigen, die übers Ohr hauen und diejenigen, die sich übers Ohr hauen lassen. Und eine gewisse Kennerschaft kann eben verhindern, dass man übers Ohr gehauen wird.»
Aber gerade die Experten, die die Beltracchi-Fälschungen geprüft haben, haben sich doch täuschen lassen. Sind die nicht auch schuld?
Stecker: «Natürlich sind die auch schuld. Ich habe sofort ein Gutachterverbot eingeführt. Keiner aus unserem Haus schreibt im Namen des Museums ein Gutachten, auch nicht zu Lehmbruck. Das einzige, was ich als Museumsleiter machen kann ist, dem einen Riegel vorzuschieben, bis wir mit unserem Lehmbruck-Archiv in drei bis fünf Jahren so weit sind, dass wir wirklich Gutachten schreiben können. Aus diesem Grund haben wir das Archiv eingerichtet.»
Wie prüfen Sie neue Ankäufe?
Stecker: «Wir haben Ende 2010 eine kleine Skulptur von Giorgio de Chirico auf einer Auktion erworben. Es gab aber eine Differenz im Material zwischen der Auszeichnung im Katalog und dem, was es ist. Wir haben dem Auktionshaus sofort mitgeteilt, dass wir von unserem Rückgaberecht Gebrauch machen, würden aber vorher gern prüfen. Ein halbes Jahr haben wir mit der Restaurierungsabteilung der Fachhochschule Köln geforscht. Und Heureka! Wir haben sogar ein sehr viel besseres Stück ersteigert, als es ausgewiesen ist. Es ist mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit das Atelierstück.»
Sie haben also lange mit Hilfe von Restauratoren geprüft?
Stecker: «Ja klar.»
Machen das andere Museen auch?
Stecker: «Bei uns jedenfalls ist das so. Wir haben uns die Mühe gegeben. Wir haben eine Materialanalyse machen lassen, wir haben die farbige Fassung analysieren lassen.»
Sind solche naturwissenschaftlichen Untersuchungen teuer?
Stecker: «Das ist alles bezahlbar und hält sich im mittleren vierstelligen Euro-Bereich. Ich glaube, dass das ab einer gewissen Summe notwendig wird. Wir haben unsere "Kniende" (Anm.: die berühmte Skulptur von Wilhelm Lehmbruck) röntgen lassen, und den de Chirico auch. Wir sind jetzt sehr viel klüger, und haben die Erfahrung gemacht: Es ist auch erkenntnis- und nicht nur sicherheitsbringend.»
Welche Folgen haben die Fälscherskandale für die Museen und die Kunstwelt?
Stecker: «Es schadet allen, weil einfach eine Glaubwürdigkeit infrage gestellt worden ist. Das ist das Tragische an der Geschichte. Wir müssen noch viel seriöser mit vielen Dingen umgehen. Wir müssen uns alle klar machen, dass wir auch einen Bildungsauftrag haben, nämlich das ästhetische Bewusstsein unserer Besucher nicht zu täuschen.»
Muss man damit rechnen, dass wir in den nächsten Jahren weitere Fälle im Stile von Beltracchi bekommen werden?
Stecker: «Wenn weiterhin so larmoyant über den Beltracchi-Fall berichtet wird, kann das sein. Beltracchi wird von Medien als heimlicher Held vermarktet. In dem Augenblick, wo die Nachfrage nach Werken da ist, aber das Angebot nicht entsprechend, wird die kriminelle Energie offensichtlich gekitzelt.»
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