| Gruppe 61: Industriedichtung im Aufbruch - Ausstellung in Dortmund Von Helge Toben, dpa |
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| Freitag, 18. Februar 2011 um 06:43 Uhr | ||
Was ist eigentlich Literatur? Und: Dürfen und können auch Arbeiter schreiben? Anfang der 1960er Jahre sorgten diese Fragen noch für Diskussionen. Ausgelöst wurden sie unter anderem vom Autorenkreis «Dortmunder Gruppe 61». Eine Ausstellung in Dortmund blickt zurück.
Dortmund (dpa/lnw) - «Wir stören? Das ist unsere Absicht», heißt es in einem Gedicht der Autorin Hildegard Wohlgemuth. Es darf als eine Leitlinie der Gruppe 61 aufgefasst werden. Dem fast vergessenen Dichterbund, der vor 50 Jahren begann, sich literarisch-künstlerisch mit dem Alltag von Industriearbeitern auseinanderzusetzen, ist von diesem Samstag an eine Ausstellung in Dortmund gewidmet. Ein Mitbegründer war der gelernte Bergmann Max von der Grün («Irrlicht und Feuer»), später schloss sich auch ein junger Autor namens Günter Wallraff der Gruppe an.
In dem Kreis fanden sich Anfang der 1960er Jahre Arbeiter, Bergmänner und Angestellte zusammen. Sie wollten ihren Arbeitsalltag literarisch erfassen. «Inhaltlich rückte die Gruppe 61 den Alltag der Industriearbeiter, ihre Lohnkämpfe und körperliche Ausbeutung an einem konkreten Ort - in der Fabrik oder im Bergwerk - ins Zentrum der Texte», schreibt der Literaturwissenschaftler Thomas Ernst im Ausstellungskatalog.
Wie etwa Max von der Grün: «Es knirscht der Stein, es droht der Berg, das Holz, es ächzt, das Hangende bricht ein», heißt es im Gedicht «Unter Tag». Der Autor (1926-2005) und Mitbegründer der Gruppe wusste, wovon er schreibt. Er war Hauer in einer Kohlenzeche im Ruhrgebiet - zwei Mal wurde er verschüttet. Nach einem weiteren schweren Unfall 1955 ließ er sich zum Grubenlokomotivführer umschulen. Er begann zu schreiben. Sein Thema: die schlechten Arbeitsbedingungen im Bergbau.
1963 löste er mit seinem Roman «Irrlicht und Feuer» einen Skandal aus. Schonungslos beschrieb er darin die mangelhaften Arbeitsbedingungen der Kumpel. Fristlos wurde ihm als Bergmann gekündigt. Aber auch die Gewerkschaften brachte er mit dem Buch gegen sich auf. Ein Konflikt, der auch in die Gruppe 61 hineinragte: Ein Gewerkschaftssekretär verließ den Kreis.
«Die Dortmunder Gruppe 61 hat in den 1960er Jahren den Literaturbegriff verändert, er sollte nicht mehr Ausdruck einer intellektuellen Elite sein, sondern von Menschlichkeit, Solidarität und Gegenwart», heißt es in einem Beiheft zur Ausstellung. Dem Mentor der Gruppe, dem Dortmunder Stadtbücherei-Direktor Fritz Hüser, sei es darum gegangen, «einer neuen Industriedichtung den Weg zu bahnen und einen neuen "Sozialen Realismus" in der Literatur zu etablieren», schreibt Hanneliese Palm vom Fritz-Hüser-Institut für Literatur und Kultur der Arbeitswelt im Katalog. Der Kreis, dem auch Autoren aus Hamburg, Köln, Nürnberg oder Wien angehörten, traf sich 1973 zum letzten Mal.
Die Ausstellung wirft einen Blick auf den Aufbruch, der von der Gruppe ausging. Eingezeichnet sind die Impulse dabei in die zeitgeschichtlichen Zusammenhänge der 60er und beginnenden 70er Jahre. Gegenstände aus jenen Jahren wie eine Schreibtischlampe, eine Kaffeekanne oder eine Musiktruhe illustrieren die Alltagswelt von Lesern und Autoren. Textbeispiele schildern die Bandbreite der Autoren. Eine Schreibwerkstatt fordert den Besucher auf, selbst zur Feder zu greifen und sich an einem Liebesgedicht, einer Krimifortsetzung oder einer Mini-Reportage zu versuchen. Die Sonderausstellung «Schreibwelten - erschriebene Welten» im Dortmunder Museum für Kunst und Kulturgeschichte ist bis zum 1. Mai zu sehen.
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