| Kunsthistorikerin Schulz-Hoffmann: «Kokoschka hat sich ausgeblutet» Interview: Irmgard Rieger, dpa |
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| Montag, 28. Februar 2011 um 06:44 Uhr | ||
Wien (dpa) - In der Kunst des Wien um 1900 nimmt der Maler Oskar Kokoschka, dessen Geburtstag sich am Dienstag (1. März) zum 125. Mal jährt, eine singuläre Position ein. Er wurde zwar im Umfeld des Wiener Jugendstils bekannt und fand hier auch seine Lehrer und Förderer. Doch er verfolgte einen gänzlich anderen Stil und prägte markant den österreichischen Expressionismus. Im dpa-Gespräch erklärt die Kunsthistorikerin Carla Schulz-Hoffmann, stellvertretende Generaldirektorin der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen, was ihn zum Einzelgänger machte.
Frau Schulz-Hoffmann, warum wurde Kokoschka nicht zu einer «Wiener Marke» wie die Malerkollegen Gustav Klimt oder Egon Schiele?
Schulz-Hoffmann: «Es wundert mich, wenn Kokoschka in einem Atemzug mit Klimt oder Schiele genannt wird. Er ist kein typischer Vertreter des Wiener Jugendstils. Die Bilder eines Klimt oder Schiele sind sinnlicher und man fühlt sich unmittelbarer angesprochen. Kokoschka ist eher dem deutschen Expressionismus verwandt. Aber sein Werk ist auch düsterer und verschlossener als das etwa eines Ernst Ludwig Kirchner. Bei Kirchner liegt die depressive Aussage hinter einer kraftvoll-farbigen Oberfläche, die es möglich macht, sich zu distanzieren. Bei Kokoschka dagegen drückt sich das Selbstquälerische, Depressive auch in der Pinselführung aus. Er ist viel schwerer zugänglich.»
Liegt das auch an der Vielfalt seines Werkes?
Schulz-Hoffmann: «Ein Grund ist vielleicht sein langes Leben. Er hat in seinem Leben wie in seiner Arbeit immer wieder neu angesetzt. Aber anders als etwa bei Pablo Picasso, in dessen Spätwerk die volle Kraft durchscheint, hat man bei Kokoschka manchmal das Gefühl, dass es eine Art Leerlauf gibt. Er war sehr lange produktiv tätig, aber etwa in den späteren Landschaftsbildern scheint sich seine anfängliche unglaubliche Kraft verloren zu haben. Er hat sich selbst gewissermaßen psychisch und physisch ausgeblutet.
Gibt es Aspekte in seinem Werk, die jetzt, mit zunehmendem Abstand, erst zutage treten?
Schulz-Hoffmann: «Die Wahrnehmung von Kunst ist immer abhängig von der jeweiligen historischen und gesellschaftlichen Situation. So haben wir heute wieder ein stärkeres Bewusstsein für kritische Auseinandersetzung in der Kunst. Damit könnte Kokoschka, der ein sehr politisch denkender Mensch war, wieder größere Aufmerksamkeit gewinnen. Kokoschka hat immer Position bezogen, mit allen Konsequenzen, er musste ja emigrieren und lebte lange im Exil. Diese Ernsthaftigkeit, die Mensch und Werk gleichermaßen prägte, könnte dazu führen, dass er wieder neu gesehen wird.»
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